TL;DR: Was sind eure (ehrlichen) Erfahrungen mit Biwaksäcken?
Hallo in die Runde,
wie der Titel bereits besagt, fasziniere ich mich schon seit längerem für den Gedanken einen Biwaksack als primäres Shelter für Wanderungen in Alpinen Gebiet zu verwenden.
Und da sind wir vermutlich schon bei der Begriffsklärung. Wenn ich in diesem Forumsbeitrag von einem Biwaksack spreche, dann meine ich kein “bug bivy” oder eine Art Innenzelt für Tarps. Ich meine auch kein Rettungsbiwak für den Notfall den man eine Nacht lang nutzt. Ich meine ein wasserdichtes Shelter zum Schlafen für mehrere Nächte.
Um ehrlich zu sein, dümpel ich noch immer mit meinem alten Durston X-Mid 1P Zelt rum. Das habe ich vor mehreren Jahren gebraucht gekauft und ich war auch eigentlich immer recht happy damit. Aber seit längerem zieht es mich raus aus dem Zelt, mehr in die Natur. Ich liebe grundsätzlich Camping und das Schlafen im Zelt. Aber auf meinen Solo Wanderungen, primär durch alpines Gelände, fühlt sich das Einschließen in ein Zelt immer merkwürdiger an. Außerdem sind mir die mehr als 800g Gewicht mittlerweile echt ein Dorn im Auge. Das ist mit Abstand mein schwerstes Stück Ausrüstung. Aber darum soll es nur sekundär gehen.
Des weiteren hat sich meine “Form” des Reisens etwas geändert. Ich möchte nicht mehr ein Lager aufschlagen, Essen zubereiten und das Leben im Camp genießen. Gegessen wird in einer Pause auf dem Trail. Bevorzugt an Wasserquellen, um unnötiges Wasserschleppen zu vermeiden. Die Morgen- und Abendstunden sind wunderschön und ich möchte einfach frei sein. Außerdem sollte das Shelter eh nur nach Sonnenuntergang aufgebaut werden und vor Sonnenuntergang abgebaut. Zumindest so lange das Ganze so halb legal (wenn überhaupt) ist.
All das führt dazu, dass ich mich schon seit langem mit deutlich einfacheren (und auch leichteren) Sheltern befasse. Das Ganze ist ein Hin und Her in meinem Kopf. Praktisch ist gar nichts passiert. Mal zerdenke ich mir die schieren Möglichkeiten von Tarps, dann schaue ich mir doch noch mal die leichtesten Zelte an die es so gibt (Danke für das Thema Grenzen & Möglichkeiten von “ultraleichten” sheltern) bzw. bin beeindruckt von MYOG Projekten wie von Capere. Doch irgendwie lande ich doch immer wieder bei einem Biwaksack.
Die Eigenschaften eines Biwaksacks faszinieren mich irgendwie. Man muss so gut wie nichts aufbauen. Es gibt vermutlich kein Shelter, für welches es einfacher ist ein geeigneten Lagerplatz zu finden. Minimaler Fußabdruck. Kein Stress mit Heringen/Erdnägeln, dem Boden oder Spannleinen. Widerstand gegen den Wind und stürmisches Wetter ist an sich kein Thema. Zumindest nicht was die Stabilität der Konstruktion angeht.
In meiner romantischen Vorstellung, können Bodenisolation (e.g. Luftmatratze, Schaummatte) und Oberisolation (e.g. Quilt, Schlafsack) einfach im Biwaksack bleiben. Vermutlich sollte man sie tagsüber mal auslüften. Dann kann man den Abend richtig genießen und wandert so weit man möchte. Man isst zu Abend wann es passt und genießt den Sonnenuntergang an einem schönen Platz. Irgendwann, wenn es Zeit wird zu schlafen, zieht man das Bündel aus seinem Rucksack, kriecht in sein gemütliches Lager und schläft die Nacht durch. Die Natur ist ganz nah, der Sternenhimmel (in Sicht) über einem. Man verschwindet in der Natur und stört hoffentlich niemand anderen. Mutmaßlich wird “wildes Biwaken” auch besser toleriert als wild campen (?). Skills für gute Schlafplätze im Sinne von Temperatur, Feuchtigkeit, als auch Tiere bleiben natürlich erhalten.
Am Morgen hat man hoffentlich keine Probleme mit Kondensation gehabt. Das Lager ist schnell wieder abgebrochen, verstaut und ab geht es in die Natur. Auf zu einem schönen Platz für den Sonnenaufgang. Vielleicht gibt’s dann ja sogar ein Käffchen nach den ersten Kilometern. Bei Sonne natürlich das Shelter einmal rausholen und auslüften lassen.
So viel zu meiner stark romantisierten Vorstellung einer Wanderung mit Biwaksack in alpinen Gebiet. Aber kommen wir vielleicht mal zu den Nachteilen.
Ich muss sagen, dass mich das Thema Klaustrophobie nicht wirklich berührt. Im Gegenteil, gefühlt wirkt ein enges Zelt mit geschlossenen Wänden viel beklemmender. Zumindest solange eine vernünftige Form eines Fliegengitters bzw. ein Sichtfenster gegeben ist, sehe ich da wenig Probleme für mich. Bei wirklich schlechtem Wetter sieht das nochmal anders aus. Aber auch da bin ich irgendwie optimistisch. Es ist ja wirklich rein zum Schlafen. Ohne noch ein Buch zu lesen, Notizen zu schreiben oder einen Podcast zu hören.
Meine Regenausrüstung muss so ausreichend sein, dass ich tagsüber auch ohne Shelter dem Wetter Stand halte. Dazu muss man sagen das Winter Camping für mich damit erstmal ausfällt.
Meine Sorge Nummer Eins ist tatsächlich das Thema Kondensation. Ich mag eigentlich meine Dauneninsulation und habe wenig Bestreben auf synthetische umzusteigen. Wenn auch nicht undenkbar. Trotzdem sollte das nicht die primäre Lösung für das Thema Feuchtigkeit sein. Wenn man sich den einen oder anderen Biwaksack anschaut, dann scheinen ja “atmungsaktive” Oberstoffe das A-und-O zu sein. So etwas wie eVent. Aber ich muss zugeben, dass ich mich da nicht gut auskenne. Ich weiß nicht welches Material wirklich taugt, was ist Marketing und was passt tatsächlich zum besagten Anwendungsfall.
Was ich mir tatsächlich schwierig vorstelle ist, wenn man triefend nass ist und dann sein Lager beziehen muss. Irgendwie muss die nasse Regenkleidung aus und man selber ganz fix in den Sack. Ohne das etwas kritisch nass wird. Aber was dann tun mit der nassen Regenkleidung? Das ist kein reines Problem von Biwaksäcken. Aber irgendwie nochmal schwieriger.
Auch wenn das Gewicht nicht an erster Stelle stehen soll, hätte ich schon das Gefühl Potential verschenkt zu haben, wenn ein Biwaksack nicht leichter ist als mein besagtes Zelt sein sollte. Es scheint auch interessante Biwaks zu geben, welche “hooped” sind. Quasi eine Kuppel über den Kopf bilden. Diese sind aber oft richtig schwer. Und es scheint auch einfachere Lösungen zu geben, die den Zweck erfüllen. Und wenn es zur Not doch der Wanderstock mit einer einzelnen Leine ist.
Leider scheint die Auswahl an käuflichen Produkten stark beschränkt zu sein. In Europa bzw. Deutschland sowieso. So richtig passend finde ich nur das eVent Soul Bivy von Mountain Laurel Designs. Das ist aber gar nicht so einfach zu bekommen. Es scheint generell wenig gute Reviews zu geben (außer hinter einer Paywall). Von daher ein großes Commitment. Zumal man es dann vermutlich nicht wieder los wird.
Ich hätte auch Lust da einen MYOG Ansatz zu verfolgen. Aber da kommt wieder das Thema Materialwissen ins Spiel. Das Projekt von Capere (ich find es gerade nicht) ist da schon sehr inspirierend. Obwohl besagte Person ja scheinbar doch lieber wieder auf ein Zelt umgestiegen ist.
Nachdem ich euch nun mit mehr als genug Text “zugeplappert” habe, hier meine Fragen an euch: Was sind eure Erfahrungen? Was habt ihr für Ideen? Kennt ihr jemanden, der schon mal eine längere Wanderung mit mehreren Nächten im Biwaksack unternommen hat?
Ich würde mich freuen, wenn die Kommentare konstruktiv bleiben würden. Ich verstehe vollkommen, dass für manche die Vorstellung eines Biwaksacks verrückt vorkommt.
Ich würde mir erhoffen mit eurem Input etwas näher an eine Entscheidung zu kommen, ob ich mich an einem Biwak probiere (kaufen oder selber nähen) oder mich vielleicht doch lieber auf Tarps konzentriere (kaufen oder nähen).
Danke euch!