Ihr Lieben,
ich stehe vor der Anschaffung einiger neuer Midlayer für die Unternehmungen des kommenden Jahres. Und ich möchte gerne die Nutzung von Polartec Alpha (Direct) in kühl-feucht-windigen Einsatz wie Nordskandinavien mit euch besprechen.
Ich verstehe, dass das Material insbesondere auf dem PCT Kultstatus erlangt hat und auch hierzulande sehr viele in gemäßigten Gegenden darauf schwören. Aber ist das auch die richtige Wahl für Nordskandinavien?
Eigenschaften Alpha 90
Vorteile
- Leicht. Etwa 130g für einen Hoody ohne Taschen und Extras für windstille Wärmeleistung eines etwa doppelt so schweren klassischen Fleece.
- Sehr atmungsaktiv. D.h. wenn er ohne weitere Lage darüber getragen wird, die die Atmungsaktivität einschränkt, kann der Körper überschüssige Wärme durch Wasserdampf/Schwitzen vergleichsweise gut abtransportieren. Man kann ihn also auch dann noch vergleichsweise komfortabel tragen, wenn er eigentlich zu warm ist, und der Körper beginnt dagegen an zu regulieren, weil die Regulierung anders als bei anderen isolierenden Schichten kaum gehemmt wird.
- Vergleichsweise schnell trocknend.
Nachteile
- Keinerlei Windresistenz. Also die Kehrseite von "Sehr atmungsaktiv" oben. Sobald etwas Wind weht, bläst er die Wärmewirkung weg. D.h. es muss zwingend eine weitere Lage mitgebracht werden: Entweder direkt die Regenjacke (tendenziell sehr geringe Atmungsaktivität). Oder eine zusätzlich mitgetragene Windjacke (durchlässiger – aber ein weiteres Teil im Gepäck). Klassiker wäre so etwas wie Arc'teryx Squamish. Gewicht ca 130g.
- Frage der Langlebigkeit, Mikroplastik etc. nicht ganz geklärt. Aber ziemlich sicher keine 10+ Jahre wie bei einem klassischen, einfachen Fleece.
Konkurrenz-Systeme
Das Gewicht von Alpha Hoody und Windjacke zusammen liegt bei etwa 250-300g. Also in der Größenordnung eines klassischen 100/200er er Fleece.
Das Gewicht von Alpha Hoody und Windjacke zusammen liegt ziemlich identisch gleichauf mit der Patagonia Nano Air Light Hybrid (ca 290g), die von vielen als Referenz für aktive Isolierung gesehen wird.
Einsatz in Skandinavien
Wenn ich mir nun ansehe, wie ich von Sommer bis Herbst in Skandinavien unterwegs bin, kommt der Wunsch den Midlayer anzuziehen primär in zwei Szenarien:
- Es ist kalt und regnerisch. Klassiker 7°C, Regen und Wind. Die Regenjacke direkt auf Baselayer getragen kühlt bei kaltem Wind sehr schnell aus. Der Midlayer stellt die nötige Temperaturbarriere bereit.
- Es regnet nicht, windet aber. Nur im Baselayer kühle ich im kalten Wind nach einer Weile aus. Zwei Optionen: Regenjacke, Windjacke oder Midlayer über den Baselayer.
Vergleich: Klassisches Setup vs Polartec Alpha + Windjacke
Unter der Regenjacke, in Szenario 1 spielt Atmungsaktivität des Midlayers kaum eine Rolle, da sich unter der Regenjacke ohnehin das Meiste staut. Hier sehe ich konzeptionell keinen Vorteil vom hochatmungsaktiven Alpha gegenüber anderen Midlayern. Außer evtl. das er schneller wieder trocknet.
Wenn ich in Szenario 2 d.h. wenn kalter Wind weht, Alpha statt klassischem Midlayer über den Baselayer ziehe, hilft der Alpha Layer alleine fast überhaupt nicht, weil der Wind einfach durch geht. D.h. hier braucht es zwingend eine zusätzliche Windjacke. Dann bin ich von Gewicht und Funktion wieder ziemlich nah dran am klassischen, einfachen Fleece, welches eine gewisse geringe aber vorhandene Windresistenz gleich mitbringt.
Ich sehe in dieser Betrachtung nur zwei Vorteile von Alpha:
- Die Kombination von Alpha + Windjacke ist vermutlich wärmer, als ein Fleece gleichen Gewichts.
- Durch Trennung von Isolation und Windjacke habe ich minimal mehr Variationsmöglichkeiten. Wenn ich sie denn nutzen möchte! Ich könnte also, wenn mir im Baselayer alleine so ganz ganz knapp zu kalt ist, nur den Alpha oder nur die Windjacke drüber ziehen. Und wenn das nicht reicht, doch noch mal beides zusammen anziehen. So eine Temperaturregulierung im Kleinen führt strikt durchgezogen am Ende aber dazu, dass ich alle 5 Minuten den Rucksack absetzen muss, um mich einmal umzuziehen. Puh...nervig.
Vergleich mit der Patagonia Nano Air Light Hybrid (NALH) als klassischer Active Insulation
Wenn ich für mich etabliere, dass der Alpha Layer im kalten Wind ohnehin nur mit Windshirt funktioniert und ich nicht ständig anhalten möchte, um zwischen den Kombinationen hin und her zu layern, kann ich die zwei Lagen auch gleich in einer Jacke kombinieren und spare mir das Gefummel. Die "Fullrange" Isolierung der NALH ist in der Funktion vermutlich Alpha sehr ähnlich. Patagonia verbindet diese "Active Insulation" bei der NALH mit einer windresistenten, nicht winddichten, aber dafür vergleichsweise sehr atmungsaktiven Außenschicht.
D.h. es wird viel aber nicht nicht alles geblockt. Vermutlich ähnlich wie bei einer Kombination aus Alpha mit einem auf Atmungsaktivität statt komplettem Windblock ausgerichtetem Windbreaker wie der Squamish.
Wo ist der Nachteil einer NALH hier? Ich könnte mir vorstellen, dass ein separater Alpha Layer von der Windjacke befreit schneller trocknet. Sonst fällt mir nicht viel ein.
Übersehe ich etwas?
Einen spezfisch positiven Anwendungsfall kann ich mir tatsächlich vorstellen:
Ich liebe die Patagonia Airshed Pro und trage sie als Baselayer. Trocknet super schnell und blockt recht viel Wind ab, sodass ich deutlich länger nur im Shirt rumlaufen kann, bevor ich einen Midlayer dazu nehmen muss. Ich könnte jetzt natürlich sagen: Ok cool, mit dem Airshed Pro, habe ich so etwas wie eine Windjacke ohnehin dabei bzw. immer an. D.h. wenn es zu windig-kalt wird, könnte ich einen Alpha Layer unter die Airshed anziehen. Dann wäre die Alpha mein Baselayer und die Airshed wäre so etwas wie eine Windjacke. Dann hätte ich Wärme, etwas Windresistenz aber ein so atmungsaktives System, dass die körpereigene Regulation nicht übermäßig behindert wird. Klingt gut.
Bedingt allerdings, dass ich mich bei jeder nennenswerten Temperaturanpassung einmal komplett nackig machen muss. Mhm. Würde aber die 130g und den Organisations und Handlingsaufwand einer zusätzlichen Windjacke sparen.
Ich spiele mit dem Gedanken alle Varianten zu kaufen und selber über die nächsten Monate in der Praxis zu testen. Und einfach mal zu schauen, ob ich wirklich nennenswerte Unterschiede feststelle. Aber bevor ich das tue, würde ich mich über eure Gedanken freuen! Übersehe ich etwas? Seht ihr etwas anders?