Tag 6
Dieser Tag war der letzte auf dem Weg nach Kvikkjokk. In 20 km sollte es erst über die sumpfige Pårekebene gehen, bevor der Abstieg in den Nadelwald erfolgte. Der Morgen hielt gleich zu Beginn eine Herausforderung bereit: Die Navigation durch die Sümpfe rund um die lose angeordnete Pårek-Siedlung war alles andere als einfach. Dies lag vor allem daran, dass wir uns an den schwarz gestrichelten Pfaden der lantmateriet-Karte orientierten. Normalerweise sind die schwedischen Karten ausgezeichnet und selbst die schwarz gestrichelten Pfade („unmarked trail“) (relativ) gut zu folgen. In den Sümpfen war dies jedoch nicht der Fall, mehrfach endeten wir in mannshohem Dickicht, aus dem wir uns einer groben Richtung folgend herausarbeiten mussten. Dabei mussten wir auch einige Male Bachläufe queren, teils hüfttief ausgespült, weshalb wir in den ersten Morgenstunden sehr langsam vorankamen. Interessanterweise bemerkte ich gegen Ende dieser Episode, dass die Routen, die TopoGPS während der Tourplanung abweichend von den in der Karte eingezeichneten Pfaden automatisch gelegt hatte, tatsächlich existierenden Wegen folgten. Es kann also geschlussfolgert werden: fittet die App bei der Planung im Vorfeld automatisch Wege abweichend vom Kartenmaterial, sollte man sich eher auf die App verlassen (hoffentlich war das verständlich ausgedrückt).
Dieser Bach war auf der gegenüberliegenden Seite tatsächlich hüfttief
Nachdem sich das Bushwacking bereits über eine Stunde mit geringen Wegstrecken gezogen hatte, trafen wir urplötzlich auf einen deutlich ausgetretenen Singletrail: Wir hatten den Pfad gefunden, der aus dem Sarek herausführt. Dieser scheint weiter westlich im Wegenetz zu liegen als das bei meiner Planung mit Grundsten & Co den Anschein gehabt hatte. Ein wichtiges Learning für das nächste Mal!
Nachdem wir nun mit deutlich erhöhtem Tempo vorankamen, selbst die Sümpfe waren stets mit sehr guten Planken ausgelegt, dauerte es nicht lang, bis wir zur Furt beim Boarekjávrre kamen. Diese Querung wird dem einen oder anderen durch die Holzdreiecke bekannt sein, die das Durchwaten erleichtern sollen. Tatsächlich waren wir beide aber der Meinung, dass das Überqueren abseits der Konstruktionen besser gelang: Während ich in aller Seelenruhe durch das breite, aber relativ schwach fließende kalte Wasser schritt, fiel mein Bruder bei der Akrobatikeinlage, die Furt ohne Schuhwechsel und ohne Waten zu meistern, auf einem der Holzdreiecke beinahe der Länge nach hin. Klar, nasses Holz ist eben vor allem eins: rutschig. Nachdem wir beide scheinbar komplikationslos gequert hatten (Spoiler: das sah einer meiner Zehen anders), ging es auf dem einfachen Weg weiter, bis wir bald ein erstes Päuschen einlegten. Dabei bemerkten wir, dass wir wegen der vielen Furten und des Bushwackings knapp 3h für die ersten 6 km gebraucht hatten. Da war auf alle Fälle Luft nach oben! So hielten wir die Pause kurz und gingen bald weiter, wobei uns die ersten Wanderer entgegenkamen. Zunächst erwarteten uns viele Planken durch sehr viel Sumpf, aber nach einiger Zeit zeigte der beginnende Birkenwald das Verlassen der Pårekebene an.
die Furt beim Boarekjávrre
es folgen drei Bilder der Pårekebene: offene Landschaft und viel Sumpf
Wer wohl dieser geheimnisvolle Typ im neongrünen Alpha-Hoodie ist?
Blick auf den Weg des vorherigen Tages: der Stuor Jierttá im Nordosten...
....und der Blick auf das Pårtemassiv im Norden
Nun ging es zunächst gemächlich bergab, auf einem Singletrail, der keinerlei (Stolper-)Steine bereithielt. Dementsprechend flogen wir scheinbar den Berg hinab, in Geschwindigkeiten, die sich sonst allenfalls auf deutschen Forststraßen erreichen ließen. Bald wurde der Weg jedoch wieder blockiger und bremste uns aus, und während die Steigung bergab deutlich zunahm, passierten wir die Grenzen vom Birken- zu Mischwald und bald darauf Nadelwald. Bei diesem Absteigen bemerkte ich erstmals deutlich, dass ich es während der Wanderung weitestgehend versäumt hatte, meine Füße mit Hirschtalg einzucremen: Gerade am linken Fuß hatte ich an den äußeren Zehen signifikante Druckstellen entwickelt, die nun bei jedem Schritt schmerzten. Hinzu kam ein stechender Schmerz im vierten Zeh rechts. Irgendwas schien da gar nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Unvernünftigerweise überprüfte ich dies aber nicht: Meine Laune war nicht die beste im Hinblick auf die nächsten Tage, da ich mich fragte, ob ich noch irgendetwas sinnvolles mit den für mich theoretisch verbleibenden fünf Tagen anfangen könnte. Aber dazu später mehr. Auch wegen der Schmerzen zog sich der Abstieg schier endlos und selbst das Erreichen der Seen Stuor Dáhtá und Unna Dáhtá, die die Nähe des bequemen Kungsleden ankündigten, vermochte die Stimmung nicht zu heben.
Vom Weg nach der Pårekebene gibt es sehr wenige Bilder….hier das Ufer des Stuor Dáhtá…
…und ein Sumpf kurz vor Eintreffen auf dem Kungsleden
Als wir nach 14 km gegen 14.00 auf den Fernwanderweg trafen, sah man selbst meinem fitten Bruder eine gewisse Erschöpfung an. Die Mittagssonne schien warm auf uns herunter, als wir die letzten 6 km gen Kvikkjokk in Angriff nahmen. Dass es dabei nach wie vor beinahe stetig bergab ging, fanden meine Zehen links wie rechts echt beschissen. Da ich auch spürbar vom kräftezehrenden Vortag geschafft war, wurde ich immer langsamer und stürzte auf den letzten Kilometern mehrfach beinahe. Als wir 16.00 Kvikkjokk erreichten und uns in der Fjällstation in einem Zweibettzimmer einquartierten, war ich wirklich kaputt. Die Inspektion meines rechten Fußes ergab: der vierte Zehennagel rechts stand in einem, sagen wir interessanten Winkel ab und pochte unentwegt. Ich vermute, dass ich mir bei der Furt beim Boarekjávrre irgendwie den Zeh gestoßen haben muss, das eisige Wasser den Schmerz aber sofort unterdrückt hatte. Der Zeh, die Druckstellen an den anderen Zehen und meine schmerzenden Muskeln brachten den Plan ins Wanken, die restlichen fünf Tage nach Abreise meines Bruders noch für eine Solo-Tour zu nutzen. Dazu kam, dass die Folgetage durchgehend (starken) Regen versprachen und ich von Kvikkjokk aus mit dem gegebenen Zeitrahmen keine Rundtour mit signifikanten Abstechern ins Fjäll mehr planen konnte. Zusammen mit anderen Faktoren wie ein kürzlich erfolgter Umzug und ein naher Start in einen neuen Job kristallisierte sich heraus, dass die sinnvollste Entscheidung eine deutlich verfrühte Abreise war. Ich rang sehr mit diesem Entschluss, hielt jedoch daran fest, sodass ein letztes gemeinsames Abendessen auf einer Sonnenbank neben der Fjällstation das Ende meines Wandersommers bedeutete.
Die letzten Sonnenstrahlen des letzten Abends
Fazit:
Diese Reise war zweifelsohne sehr schön, und ich kam mit vielen schönen Erinnerungen und Bildern nach Hause, aber auch mit Wehmut und etwas Enttäuschung. Bei 6 Tagen Wandern in Schweden statt den geplanten 6 Wochen ist das aber sicherlich nachvollziehbar. Immerhin haben wir den geplanten optionalen Abstecher in den Sarek in Gänze geschafft. Die Entscheidung der Abreise war auf jeden Fall rückwirkend die richtige: Nachdem wir insgesamt super Wetter gehabt hatten, ohne ernsthaften Regen und ohne den Einsatz jeglicher Regenklamotten, sollte der Norden Schwedens in den Folgetagen regelrecht absaufen. Währenddessen hatte ich einige Tage mehr Zeit, mich in meinem neuen Wohnort zu akklimatisieren und meine Wohnung einzurichten. Und dass ich ohne schwerere Verletzung aus Schweden zurückgekehrt bin, ist auch das erste Mal. Perfekte Voraussetzungen also, nächstes Jahr erstmals eine geplante Tour im Sarek durchzuziehen 