Sarek und Padjelanta 2025 - eine Geschichte davon, wie das Wetter im Norden die Tour bestimmen kann

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  • Hallo zusammen,

    auch dieses Jahr war ich wieder in Lappland unterwegs, dieses Mal mit meinem Vater. Wir hatten uns eine Tour im Sarek überlegt, in der zweiten Augusthälfte: Akkastugan-Rákkasbuollda-Nijákskájdde-Sareklåbbdå-Gukkhesvagge-Bierikjávrre-Bielavallda-Snávvávágge-Rapadalen - Rapadalen Hochroute- Skierffe-Saltoluokta. Vorgenommen hatten wir uns pro Tag etwa 15 km, über acht Tage mit 1,5 Tagen Puffer, was auf dem Papier zuerst einmal machbar klang. Doch es sollte anders kommen….
    Die Tour stand schon unter keinem guten Stern. Zum einen plagten mich die Wochen vor der Wanderung aus dem Nichts zuvor nie dagewesene Achillessehnenbeschwerden, zum anderen sah der Wetterbericht schlecht aus: die ersten vier bis fünf Tage waren Temperaturen zwischen -1 und 5° angesagt, dazu viel Regen und stellenweise Schnee. Das war um einiges kälter, als man es im Durchschnitt Mitte August erwarten durfte. Zusätzlich hatten die vorangegangenen regenreichen Tage und Wochen für überdurchschnittlich hohe Pegelstände der Bäche und Flüsse gesorgt.

    Anreise und erste Kilometer

    Trotz dieser Vorzeichen hielten wir natürlich an unseren Plänen fest und machten uns mit dem bewährten doppelten Nachtzug Berlin-Stockholm-Nordschweden auf den Weg. Dabei war bereits die Anreise ein kleines Abenteuer. In Berlin auf dem Bahnhof verschob sich die Abfahrtszeit auf der Anzeigetafel immer weiter nach hinten. Als der Zug plötzlich ohne Vorwarnung oder Durchsage einfuhr, obwohl er laut Tafel noch eine weitere halbe Stunde hätte verspätet sein sollen, hat er sicher ein paar Reisende in Berlin stehen gelassen. Mit anderthalb Stunden Verspätung brachen wir gen Hamburg auf. Kurz vor Hamburg meldete sich dann die Schaffnerin, um sichtlich zerknirscht mitzuteilen, dass das Stellwerkpersonal in Hamburg-Vettel die Weiche falsch gestellt hatte, weshalb wir nun nicht auf Hamburg Hbf zurollten. Über mehrere Umwege und mit zusätzlicher Verspätung sammelten wir die Reisenden schließlich in Pinneberg auf. Sowas hatten wir auch noch nicht erlebt. Am nächsten Morgen rollten wir mit insgesamt 4 h Verspätung in Stockholm ein. Zu allem Überfluss war unser Nachtzug nach Norden wegen eines Oberleitungsschadens auf der Strecke gestrichen worden. Das gab mir zunächst einen Herzinfarkt, eh ich (nicht automatisch umgebucht wie sonst in Schweden üblich, sondern erst auf explizite Nachfrage) im Stockholmer Hbf Tickets für einen Ersatzzug besorgen konnte.




    Long story short: trotz allerlei Widrigkeiten kamen wir am Ende tatsächlich pünktlich in den schwedischen Bergen in Ritsem an. Dort wartete unser letztes Transportmittel auf uns: für 500 SEK wurden wir gegen 18.15 in nur fünf Minuten mit dem Helikopter über den Akkajaure geflogen. Mir war die Angelegenheit zu wackelig, aber mein Vater genoss es sichtlich. Während wir bis dato gutes Wetter mit einiger Sonne hatten, wurde es bei Ankunft am Ufer des Sees minütlich schlechter. Obwohl ich etwa 5 km für den Abend einkalkuliert hatte, zogen wir bereits nach 2 km direkt hinter der Brücke über den Vuojatädno im stärker werdenden Regen wohlweislich unser erstes Lager hoch. Leider waren wir dabei noch nicht eingespielt und wurden doch ziemlich nass, bevor wir es in die Zelte schafften. Der Zeltplatz war außerdem von unten echt nass, aber zumindest windgeschützt. Nach einem ersten gemeinsamen Abendessen im XMid verkrochen wir uns in Schlafsack bzw. Quilt, und trotz der ohrenbetäubenden Kulisse des Vuojatädno fielen wir schnell in den Schlaf.



    hier wurden wir soeben abgeladen



    Der Vuojatädno begrüßt uns. Über der Stufe am linken Brückenkopf haben wir gezeltet


    Tag 1

    Als der erste volle Tag anbrach, war es von oben zum Glück bald trocken. Vom Untergrund konnte man das nur leider wirklich nicht behaupten: die dünne Erdschicht unter unseren Zelten glich einem vollen Schwamm, und tatsächlich hatte es bei meinem Vater durch das Tyvek groundsheet und den Zeltboden des Lanshans, das ich ihm gegeben hatte, leicht durchgedrückt. Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und befürchtete einiges für die kommenden Tage. Zum Glück sollte dies der einzige solcher Vorfälle bleiben. Die ersten und letzten 2 km auf dem mir bekannten Padjelantaleden vergingen wie im Flug, obwohl mein Vater kiloweise Blaubeeren futterte. Die Landschaft lesend, blieb ich irgendwann stehen und sagte nur “Vadder, links!”



    Der Fokus in diesem Bild wurde von meinem Vater nicht zufällig so gewählt...


    Von nun an folgten wir einem Pfad, der anfangs nur in meinem Kopf existierte. Grob schlängelten wir uns dabei bachaufwärts entlang am westlichsten Wasserlauf, der vom Akkamassiv herunterkam. Besagte Gipfel und Gletscher waren leider in tiefe Wolken gehüllt, weshalb ich den Gletscherzustand im Vergleich zum Vorjahr nicht beurteilen konnte. Bald trafen wir auf einen ersten Sumpf, der uns den Weg versperrte. Noch etwas vorsichtig und mit trockenen Füßen entschieden wir uns, ihn zu umlaufen. Dafür kämpften wir uns durch ein Birkenwäldchen mit Unterholz und einigen überwachsenen Blöcken. Als mein Vater trotz meines bescheidenen Tempos nicht Schritt hielt, wollte ich mich gerade leicht besorgt umdrehen, als ich “Oh, eine Blaubeere!” vernahm. Beruhigt kämpfte ich mich weiter, wohl wissend, dass Vadder gut würde aufholen können. Alsbald waren die ersten Sümpfe unausweichlich, die wir jedoch über kleine Hügel (ich meine, man kann sie Horste nennen) springend überqueren konnten. Dabei sahen wir auch unsere ersten beiden Rentiere. So näherten wir uns stetig den steil vor uns aufragenden Akkaterassen, einem eiszeitlichen Relikt. Dabei trafen wir auch wieder auf einen Pfad, der eindeutig vor allem von Menschen genutzt wurde. Bevor wir an der Steigung ankamen, referierte Vadder jedoch über die tollen Pilze (Birkenpilze und Rotkappen), die er links und rechts des Weges verzückt bemerkte. Überhaupt waren das in den Folgetagen wiederkehrende Themen: Pilze und Blaubeeren.



    Die Akkaterassen voraus, dazwischen Sumpf



    Blick zurück auf den Pfad zu den Akkaterassen

    Angekommen an den Akkaterassen, merkte mein Vater wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig, dass sein Rucksack so gar nicht ultraleicht war. Zwar hatten mein Bruder und ich ihm einige Dinge geliehen, insgesamt hatte er aber auch einiges eingepackt. Trotzdem schafften wir beide den steilen Aufstieg schnell und konnten über das Tal, durch das wir gewandert waren, zum Akkajaure zurückblicken. Nach vorn hingegen sahen wir zuerst riesige Toteislöcher, zwischen denen sich einige Pfade hindurchschlängelten.



    Blick von der ersten Terassenstufe zurück in Richtung Akkajaure

    So kamen wir auch auf den nächsten Kilometern gut voran, auch wenn es bald die ersten kleineren Bäche zu überqueren galt. Bei einem war sogar der erste Schuhwechsel vonnöten, da die Pegelstände in der Tat beträchtlich waren. Bereits jetzt bemerkte ich, dass meine extra angefertigten neuen Stiefel mit hoher Lederlasche leider alles andere als wasserdicht waren: Irgendwie drückte das Wasser an beiden Schuhen sehr tief von der Seite rein. Tolle Wurst! Jetzt hatte ich die Wahl, entweder mit nassen Füßen zu laufen oder doch Sealskinz samt Liner anzuziehen, was ich anfangs vermieden hatte, um meinen streikenden Achillessehnen etwas mehr Platz zu lassen. Für Tag 1 beließ ich es bei nassen Füßen, da es noch halbwegs warm war (6°, quasi sommerlich)...
    Immer weiter hinauf schlängelte sich der Pfad, ehe er irgendwann abflachte und zur rechten der See Sjnjuvtjudisjávráj für kurze Zeit ins Blickfeld kam. Als sich der Pfad dann in sumpfigen Gefilden verlor, bekamen wir ein paar Tropfen ab. Zum Glück hörte es jedoch schnell auf und blieb dann bis zum Abend trocken. Bald hörten wir es laut brausen, und einen Moment später standen wir vor dem Rákkasjåhkå, der auf unserer Höhe in drei Flussläufe aufgeteilt war. Trotz des hohen Wasserstandes schafften wir es irgendwie ohne Schuhtausch hinüber, was wir mit der Mittagspause im Windschatten eines Felsens zelebrierten.



    Erster Blick übers Tal im Süden auf den Gletscher am Gisuris



    teils feuchter Untergrund, weiterhin Blick Richtung Gletscher

    Danach wurde es an den Hängen südlich des Rákkasjåhkå erstmals etwas abenteuerlich: Ein Mix aus kleineren (trockenen) Blockfeldern, Sümpfen und hohem Weidendickicht schulte unsere Wegfindungsfähigkeiten, insgesamt kamen wir aber gut durch. Trotzdem dauerte es einige Zeit, bis im Tal der Zusammenfluss des Suottasjjåhkå mit dem Nijákjågåsj in Sicht kam. An dieser Stelle kam es erstmals zu einer Fehleinschätzung meinerseits, was die beste Routenwahl anbelangte: Mir war zwar bekannt, dass der Suottasjjåhkå grundsätzlich seine Tücken beim Furten haben konnte, ich nahm jedoch trotzdem an, dass dies an mehr als nur einer bestimmten Stelle möglich sei und führte uns deshalb grob südostwärts unterhalb des Várdotjåhkkå entlang, in etwa die Höhe haltend.



    Rentiere gab es einige, tote und lebendige



    Am Hang südlich des Rákkasjåhkå, Blick auf den Suottasjtjåhkkå



    Blick ins Ruohtesvágge. Direkt rechts vom Bild ist der Zusammenfluss von Suottasjjåhkå und Nijákjågåsj

    Als wir dann nach etwa 17 km an diesem Tag das Ufer des Flusses erreichten, wurde mein Fehler offensichtlich. Gerade mit dem bestehenden Hochwasser war in Sichtweite nirgends eine Querung möglich. Es war klar: wir mussten dem Fluss etwa 1,5 km abwärts folgen, um zu der einen Furtstelle zu gelangen, von der ich mehrfach gelesen hatte. Es war nun kurz vor 17.00 Uhr und wir fragten uns, ob wir die Querung heute noch in Angriff nehmen sollten. Obwohl es schon merklich abgekühlt hatte, wurden wir vom plötzlich einsetzenden Schneeregen trotzdem überrascht. Der half uns zumindest bei der Entscheidungsfindung: Zeltplatz flussabwärts suchen und die schwierige Furt morgen früh angehen. Wir stellten unsere Zelte minimal windgeschützt nach wenigen Hundert Metern Suche auf. Als mein Vater dabei in meinem Zelt sitzend die Heringe für sein Zelt suchte, riss er aus Versehen ein Loch ins Moskitonetz des nagelneuen XMid. “Naja, zumindest nicht das Außenzelt", dachte ich mir, während ich draußen im Regen stand und merkte, wie meine Zehen und Hände abfroren. Den Mücken schien es hier in dem Moment eh zu kalt gewesen zu sein. Obwohl ich 17.45 im Zelt saß und mich aufwärmen konnte, brauchte es bis 20.30, bis ich mich halbwegs gut fühlte und meine Zehen wieder spürte. Meine Notiz dazu: “ Mein Magen und einige Muskeln krampfen und mir ist einfach nur kalt."
    Trotz des Verlaufs des Abends (im Nachhinein betrachtet warf der nächste Tag schon seine Schatten voraus), empfanden wir diesen ersten vollen Tag als herrlich: Wir waren unerwartet weitestgehend trocken geblieben und mein Fjällfieber war deutlich merkbar auf meinen Vater übergesprungen.

  • Tag 2

    Dieser Tag war der frühe Wendepunkt unserer Wanderung, fast nichts lief glatt.
    Am Morgen lag die gefühlte Temperatur laut Inreach bei +1. Es war grau und feucht, tiefe Wolken hingen an den umliegenden Berghängen. Nahezu perfekte Bedingungen also, um nach gut 1000 m des Zurücklaufens die erste richtig knackige Furt anzugehen. Zu meiner großen Erleichterung war das zumindest an der einen Stelle möglich, die ich im Kopf hatte: Der Suottasjjåhkå floss hier ziemlich breit, die tiefste Stelle reichte bis über die Knie, andere, minimal seichtere Abschnitte der Route zeigten aber einige Strömung. Wir zogen unsere Hosen aus, wechselten die Schuhe und wateten los, zu Beginn zwei Inseln für kurze Pausen nutzend. Die Querung im bläulich-trüben Gletscherwasser, gefühlt nicht viel wärmer als die Luft, war die reine Tortur. Spätestens als ich in den langen Abschnitt nach der zweiten Insel eintauchte, waren meine Beine innerhalb kürzester Zeit schmerzhaft taub. So merkte ich auch nicht, dass ich irgendwo auf halber Strecke einen Watschuh verlor. Bei der Strömung hätte ich ihn eh nicht retten können, mehrfach verlor ich beinahe mein (von Geburt an gestörtes) Gleichgewicht.



    Direkt nach der Furt durch den Suottasjjåhkå. Die Insel zur Rechten war die zweite, danach ging es erst durch den sichtbar flacheren Bereich senkrecht zur Strömung, bis wir kurz vor dem Ufer schräg gegen die Strömung zum Punkt gelaufen sind, wo der Rucksack meines Vaters steht.


    Nachdem wir uns erwartungsgemäß sammeln mussten, begannen wir damit, den mächtig aufragenden Berg Niják zu umrunden. Dabei hatte ich eigentlich das Gefühl, dass wir nicht so schlecht vorankamen. Allerdings mussten wir mehrere Bäche queren, die bei normalen Pegelständen kein Problem darstellen sollten, uns jedoch aus gegebenen Gründen lange aufhielten. Dazu war der gesamte Hang ein einziger Sumpf, was uns zusätzlich verlangsamte, da mein Vater in seinen Trailrunnern tunlichst vermeiden wollte, dass es oben rein lief (seine Gamaschen waren nicht sooo gut). Ich hatte derweil zu den Sealskinz gegriffen, um die Füße trocken zu halten, wohlwissend, dass damit das Risiko drastisch steigen würde, dass sich meine Achillessehnen wieder melden würden. Trotzdem sprang auch ich meist von Horst zu Horst, was sich später rächen sollte.



    Beweis für die lebendigen Rentiere...



    Dort hinter dem Kamm liegt das(?) Gássaláhko. Unser Weg führte nach rechts weiter



    Wäre das Bild zwei Tage vor Ende entstanden, hätte ich diesen Brummer mitgenommen ^^

    Im Versuch die Sümpfe zu umgehen, machten wir indessen den nächsten Fehler, wie sich später herausstellen sollte: Wir stiegen immer höher in den Hang, und entfernten uns beträchtlich vom GPS-Track, den ich auf Basis von Berichten, dem Reiseführer von Claes Grundsten und dem Studium von Karten und Satellitenbildern angelegt hatte. Der Knackpunkt war: entgegen jeglicher Logik war es weiter oben am Hang noch sumpfiger. Mit dem Unterschied, dass sich statt trockener Strauch- und Wiesenabschnitte stattdessen häufig Blockfelder dazwischenschalteten. Und die waren eben wegen des immer wieder einsetzenden eiskalten Regens oder gar Schnees sehr rutschig. Das stellte mich vor arge Probleme und verlangsamte uns zusätzlich.



    Immer weiter hangaufwärts zog es uns, in der Hoffnung, den Sümpfen zu entkommen




    Aber oben waren die Bäche reißender...



    Und Sümpfe gab es immer noch reichlich..


    So kämpften wir uns über die Kombination aus Sümpfen, Blockfeldern und Bächen hinweg, zumindest kamen Wind und Niederschlag aus unserem Rücken. Trotz dieser Lage schätzte ich, ohne das GPS zu checken, unseren Fortschritt an diesem Tag zu Beginn fälschlicherweise viel zu optimistisch ein. Das lag vor allem daran, dass ich im Kopf hatte, dass man zur Querung eines bestimmten Flusses (des Suottasjågåsj) weit würde absteigen müssen. Leider mussten wir einen solchen Abstieg bereits deutlich früher beim Abfluss des Sees Nijákriehppejávrásj unternehmen, wegen der Kombination der hohen Pegel und unserer hohen Hanglage. Da ich auch am Vorabend versäumt hatte, nochmal die Karten zu studieren, dämmerte mir gewaltig spät, dass wir viel weniger weit waren als gedacht und offensichtlich kaum vorankamen.



    das Wetter war nicht gerade einladend (auch wenn mein Handy den Niederschlag nicht eingefangen hat)


    Irgendwann überschritten wir nämlich einen Grat und die Topografie dahinter entsprach so gar nicht dem, was ich erwartet hatte: Wir liefen auf ein paar vegetationslose Hügel zu, zwischen denen sich ein reißender, etwa 10 m breiter Gebirgsfluss talabwärts schlängelte. Als ich das GPS checkte, wurde mir klar, dass wir erst jetzt am Suottasjågåsj ankamen, den man nur deutlich tiefer im Tal queren konnte. Mittlerweile hatte der Wind deutlich aufgefrischt (in Spitzen wurden laut Inreach 70 km/h erreicht) und er brachte Schneeregen-Schauer mit sich, die uns zunehmend zu durchweichen drohten.



    Kurz vor dem Suottasjågåsj waren wir sehr weit oben…

    Als wir nah an den Bergflanken am Flussufer ankamen, schaute ich auf die Uhr. Die vernichtende Erkenntnis: Es war 15.00, wir hatten in 8 h (ohne nenneswerte Pause) nur 10 km zurückgelegt (von denen mehr als einer am Morgen flussabwärts gewesen war, also “rückwärts”). Nie im Leben könnten wir noch den angepeilten Zeltplatz erreichen, der wegen der bisherigen Routenwahl nicht 5, sondern 8 km entfernt war und nur ganz in der Ferne erkennbar (es wäre der Fuß des Berges Sarekvárasj gewesen). Entmutigt, nass und frierend entschieden wir uns, erstmal abzusteigen, um Höhen zu erreichen, an denen der Fluss theoretisch furtbar wäre. Vor uns erstreckte sich nun tiefes Gras, das aus der Ferne wie fieser Sumpf aussah. Zu unserer Überraschung war es vollkommen trocken und ich fragte mich, ob es tiefer am Hang vielleicht aus unerfindlichen Gründen trockener sein würde als oben (Spoiler: ja!). Tiefer im Delta erkannten wir, dass in Laufrichtung jenseits des Flusses weit und breit kein windgeschützter Zeltplatz sichtbar war. Da uns sehr kalt war, entschieden wir uns deshalb, noch diesseits des Flusses leicht windgeschützt nahe des Ufers unsere Zelte aufzustellen. Im stärker werdenden Regen bauten wir auf, und als wir beide drin waren, öffneten sich die Schleusen vollends: Der Wind peitschte den Regen gegen die Zeltwände, sodass der nutzbare Raum im Zelt um einiges eingeschränkt wurde. Nass und sehr frierend (das Inreach sagte gefühlte -1) versuchte ich mich aufzuwärmen und erkannte: mit dieser Nässe und diesen Pegelständen, die sich beide merklich auf unser Tempo auswirkten, würden wir die angedachte Tour kaum schaffen, selbst mit 1,5 Puffertagen und obwohl das Wetter ab dem Folgetag langsam besser werden sollte. Die Möglichkeiten waren schnell klar: Zum einen konnten wir 15 km durch das Guhkesvágge weiterlaufen und dann aller Wahrscheinlichkeit nach den verfrühten Ausstieg über Suorva nehmen. Dabei würde sich jedoch noch ein Fluss in den Weg stellen, dessen Furtbarkeit bei den Pegeln alles andere als sicher wäre. Mit anderen Worten: keine gute Idee, wenn wir da nicht rüberkämen, hätten wir ein gewaltiges Problem. Möglichkeit 2 hieß: umdrehen, zur Hütte Gisuris wandern und von dort auf markierten Pfaden unterwegs sein. Auf keinen Fall wollte ich eher aus dem Fjäll raus. So sehr es mich schmerzte, zweiteres war die einzig vernünftige Variante.
    So lag ich also im Zelt, während der starke Wind Kondens auf meinen Schlafsack regnen ließ. Alles war nass, Regenjacke, Windjacke, Regenrock, Socken, Schuhe. Selbst die Sealskinz waren durch (wenngleich Liner und Füße fast trocken waren). Zusätzlich zeigten meine Decathlon Merino-Linerhandschuhe schon an diesem zweiten Tag Auflösungserscheinungen (die waren neu!). Mein Vater hatte derweil das Gurtband seiner Gamaschen durchgerieben, hatte allerlei Kleinkram verlegt und krankte an Blasen und Nackenproblemen. Zusammengefasst: Landschaft wunderschön, Rest suboptimal.

  • Tag 3

    Am nächsten Morgen wurden wir durch Schneefall auf unsere Zelte geweckt, der zu unserer hellen Begeisterung anfangs auch liegen blieb. Dann also jeder separat frühstücken. Nachdem ich meinem Vater den Plan bezüglich der Umkehr geschildert hatte, begannen wir mit dem Abbau. Es hatte nun zwar zwischenzeitlich aufgehört zu schneien, aber die Sicht war schlecht, alles grau in grau. Passte zu meiner Stimmung.



    kurz vor Abbau der Zelte war der Schnee schon wieder zu einem Gutteil geschmolzen



    welch entzückendes Wetter wir doch hatten…


    Der Rückweg begann mit Schnee im Gesicht - klar, heute liefen wir ja mit Gegenwind. Anders als am Vortag gingen wir nun deutlich tiefer und damit näher an meinem GPS-Track. Zu unserer großen Verwunderung war der Untergrund dabei spürbar wenig sumpfig. Wir kamen dadurch etwas schneller voran als am Vortag. Das frustrierte mich aber tatsächlich, da das “hätte-wäre-wenn” in meinem Kopf natürlich schnell erkannt hatte, dass wir am Vortag besser vorangekommen wären, hätten wir uns wie geplant tiefer gehalten. Was dann möglicherweise das Scheitern verhindert hätte… Hätte-wäre-wenn….dieses Gefühl wurde auch dadurch nicht besser, dass sich hinter uns (also auf unserer eigentlich geplanten Route) das Wetter an diesem Tag durchweg vergleichsweise freundlich zeigte, während wir am Vormittag durch Schnee und Regen liefen. So blies ich gehörig Trübsal und zweifelte an allem: unseren Entscheidungen, unserer Ausrüstung und auch meiner allgemeinen Fähigkeit, überhaupt Sarekwanderungen durchführen zu können: jedes nasse Blockfeld dauerte eine Ewigkeit und zerrte gehörig an meinem Nervenkostüm. Zumindest war es ab Mittag trocken. Kurz vor der Mittagspause hatten wir noch die knöchernen Reste eines Rentiers entdeckt, und nun sahen wir in der Ferne sechs Singschwäne am Ufer des Suottasjjåhkå. Gern hätte ich sie näher betrachtet, aber nicht einmal mein Monokular reichte aus.




    wer den Kollegen wohl erlegt hat…




    talabwärts auf den tief beschneiten Niják zu



    heitere Spielerei mit der Perspektive



    Blick zurück auf den Suottasjtjåhkkå…



    …und nach vorn auf den Gisuris. Noch war es nicht wesentlich freundlicher als am Vortag

    So stiegen wir wieder talabwärts und erreichten gegen 15.45 den Nijákjågåsj (wer die Uhrzeiten vom Vortag vergleicht bemerkt: wesentlich schneller als am Vortag, als wir früher gestartet waren, waren wir nicht unterwegs. Vielleicht ist 15 km/Tag weglos für mich wirklich nur bei trockenen Bedingungen machbar). Den Nijákjågåsj hatte ich gedanklich unter “gut furtbar” abgespeichert. Das galt jedoch entweder nur (deutlich) flussaufwärts, oder solche Prädikate waren bei den herrschenden Pegelständen hinfällig. Jedenfalls zogen wir abermals die Hosen aus. Aufopferungsvoll gab mir mein Vater dabei seine Watschuhe, während er barfuß querte. Die Furt funktionierte eigentlich gut, bis wir am Ende in einem tiefen Abschnitt mit mäßiger Strömung standen, an dem selbst die größten Steine keine oberflächlichen Stromschnellen mehr verursachten. Es kam, wie es kommen musste: Ich versagte bei der Wegfindung und hing plötzlich zwischen drei großen Steinen fest. Jeder Versuch, ein Bein ausreichend weit zu heben, brachte mich aus dem Gleichgewicht. Wegen der Kälte des Wassers musste ich aber handeln, verlor das Gleichgewicht und kippte zur Seite. Es dauerte zwar nur wenige Sekunden, ehe ich mich an einem der großen Steine problemlos wieder hochdrücken konnte, aber das Kind (oder eben der chummer) war in den Brunnen gefallen. Ich Vollidiot hatte nämlich vergessen, die Elektronik aus der Hüfttasche zu nehmen, wie mir siedend heiß einfiel. Die Tasche sollte eigentlich wasserdicht sein, aber entweder war der Reißverschluss einen Spalt weit offen gewesen oder die Wasserdichtigkeit hielt sich doch in Grenzen: etwa ein Zentimeter Wasser stand drin.



    Der Nijákjågåsj sieht auf dem Bild eigentlich harmlos aus, nach hinten raus wurde er aber ein bisschen fies



    Blick grob in Richtung Westflanke des Ruohtesvágge. Ich vermute, der Berg mittig-links ist der Jålle (hier kann ich sehr gut falsch liegen)

    Am Ufer prüfte ich zuerst die Powerbank, die jedoch keinen Mucks von sich gab. Später am Abend stellte sich heraus, dass sowohl das Mikrofon meines Handys als auch meine Kopfhörer ebenfalls etwas abbekommen hatten. So entschloss ich mich, das Handy auszuschalten und das Fotografieren vollständig in die Hände meines Vaters zu geben. Wir erklommen die steile Uferböschung und trafen wie erwartet auf die sagenumwobene Sarekautobahn. Auf diesem Trampelpfad kamen wir (nun tatsächlich) schnell voran, sahen jedoch auch in wenigen Stunden ein Vielfaches an Menschen im Vergleich zu den beiden Vortagen (was bei einer vorherigen Anzahl von 1 aus einer Entfernung von mehreren Kilometern aber auch nicht schwierig war). Hätte ich meinem Vater nicht ein Abenteuer liefern wollen, hätten wir die Sarekdurchquerung auf dem Weg mit Sicherheit geschafft…
    Da wir nun nicht mehr bei jedem Schritt auf unsere Füße achten mussten, konnten wir rege darüber diskutieren, ob wir die angedachte Strecke gegebenenfalls nächstes Jahr mit besserem Gear und ein, zwei Tagen mehr vollenden könnten.
    So verging die Zeit wie im Flug, bis wir gegen 17.45 an einem herrlich windgeschützten Zeltplatz eintrafen: einer trockenen Mulde mit gräsernem Untergrund. Am Abend schaffte es die Sonne sogar durch die Wolken, was zumindest die Zelte trocknen ließ. Wir genossen noch die Lichtstimmung, schossen ein paar Fotos und gingen dann doch wieder bei leichtem Nieselregen schlafen.



    die Chefin des Zeltplatzes



    das Áhkkámassiv



    Gisuris in der Abendsonne



    Niják und Suottasjtjåhkkå in herrlichem Licht



    abendlicher Besuch

  • Tag 4

    Die Nacht gestaltete sich weniger erholsam als erhofft, da Schneehühner das Konzept eines Zelts wenig überraschend nicht verstanden. Unsere Mulde lag offenbar im Territorium eines gemeingefährlichen Huhn-Geschwaders, und die Tiere liefen zwischen den Zelten hin und her. So weit, so gut. Wenn nicht ein, zwei Tiere die unangenehme Eigenart gehabt hätten, direkt am Kopfende des Zeltes plötzlich nach Minuten der völligen Stille loszugackern. Auf diese Weise wachte ich ganze acht Mal auf und war dementsprechend zerknautscht, als wir morgens bei leichtem Regen das Lager abbrachen.



    Der Sjnjuvtjudisjåhkå 20 m neben unserem Zeltplatz

    An diesem Morgen kamen wir erst gegen 9 los, was aber egal war, da wir nur die etwa 8 km bis zur Gisurisstugan vor uns hatten. Das Vorankommen auf der Sarekautobahn gestaltete sich weiterhin überwiegend leicht. Der Trampelpfad war gut gehbar, wurde aber immer wieder von Sümpfen unterbrochen, die ihre Tücken hatten, da sie jährlich von unzähligen Füßen ausgelatscht werden. Zumindest hatten wir auf den paar Kilometern schöne Panoramen.



    Bei Sonne auf der Sarekautobahn gen Gisurisstugan



    An dieser Flanke des Áhkkámassivs waren wir am ersten Tag in den Sarek vorgedrungen...



    ein paar Flüsschen gab es auch zu queren

    Leider begann sich auf dieser Strecke meine Achillessehne zu melden. Das war vermutlich einer Kombination der vorab aufgetretenen Probleme und der Fortbewegungsweise der ersten drei Tage geschuldet: das ständige Hüpfen zwischen Steinen bzw. Horsten (in Sümpfen) hatte meine Muskulatur ganz anders belastet als es sonst beim “herkömmlichen” Wandern der Fall ist. Dies hatte meine Wadenmuskulatur überlastet und die rechte Achillessehne in der Folge entzündet. Dazu gesellte sich am Folgetag auch noch eine zunehmende Überlastung im rechten Knie (wahrscheinlich eine Knorpelreizung), die ich grundsätzlich auf dasselbe Problem zurückführte.



    die Sonne verabschiedete sich leider, als wir uns langsam der Hütte näherten



    der Sjpietjavjåhkå nahe des Übergangs auf den Padjelantaleden, kurz vor der Gisurisstugan

    12.45 kamen wir an der Hütte an und entschlossen uns, die restlichen fünf Tage in Anbetracht meiner Achillessehne sehr entspannt angehen zu lassen: Unsere restliche Strecke sollte 53 km auf markierten und überwiegend instand gehaltenen Wegen betragen. Dabei würden wir auch einen Teil des Nordkalottleden laufen. Das ärgerte mich anfangs, da es mein großer Traum ist, diesen 680 - 800 km langen Weg irgendwann vollständig zu laufen. Allerdings machte ich mir klar, dass ich Teile ohnehin schon kannte (der Nordkalottleden und der mir bekannte Padjelantaleden führen eine Weile deckungsgleich) und es sich außerdem in Zukunft nicht wird vermeiden lassen, gewisse Abschnitte allseits bekannter Wege mehrfach zu laufen, um gewisse Touren realisieren zu können. Auch wenn mich unsere Pläne nicht hundert Prozent glücklich machten, waren wir zumindest noch im Fjäll unterwegs. Mit derlei Dingen im Kopf und in Erwartung der folgenden Tage mit mehr Pausen und Entspannung vergingen Nachmittag und Abend.

  • Tag 5

    Die Hütte war nur mäßig belegt gewesen, und so hatten wir ein 4-Bettzimmer für uns gehabt. Am Morgen ließen wir uns Zeit und kamen erst gegen 9.30 los. An diesem Tag ging es auf den alten Verlauf des Padjelantaleden zwischen der Gisurisstugan und der Furt durch den Vierttjajågåsj. Etwa 12 km hatten wir uns vorgenommen und wollten somit in der Nähe des Sees Loadásjjávrásj zelten.
    Bereits wenige hundert Meter nach der Hütte galt es einen etwas breiteren Bach zu furten, ohne hilfreiche Trittsteine. Wir versuchten, uns welche zu basteln, was jedoch völlig misslang: auf dem zweiten Stein rutschte Vadder aus und stand mit einem Fuß im Wasser. Ein heiterer Start, nachdem wir vor allem deshalb die Nacht in der Hütte verbracht hatten, um unsere Sachen trocken zu kriegen. Kurz hinter dem Bach entschloss ich mich, von den Sealskinz auf dünnere Merinosocken zu wechseln: meine Achillessehne war trotz des freien Nachmittags am Vortag schmerzhaft geschwollen. Der Sockenwechsel war eine Wohltat, allerdings waren dafür schon sehr bald meine Füße nass: die Strecke dieses Tages war wieder mal sehr sumpfig, und das, obwohl wir die ersten 7 km fast ununterbrochen mehr oder minder bergauf liefen. Natürlich gab es dabei keine Bohlenwege mehr, der Weg wird ja nicht mehr instand gehalten.




    schwedischer Hartriegel, stilvoll inszeniert



    unreife Moltebeere. Ein kleines Loblied auf diese Krone der Schöpfung folgt später im Bericht



    beim anfänglichen Aufstieg, Blick auf den Kutjaure



    Regen und Sonne über dem Kutjaure

    Westlich des Sees Elliboarkajávrasj, auf einem namenlosen Hügel, hatten wir wunderschöne Ausblicke: vor unseren Augen erstreckte sich alles zwischen dem Sáluhávrre im Westen und dem Akkajaure im Nordosten. Dieses Panorama hielt jedoch nur zwei bis drei Minuten an, bis uns eine große Wolke verschluckte und so schnell auch nicht wieder ausspucken wollte. So liefen wir weiter auf den höchsten Punkt, den Njierek zu und fragten uns dabei, wie es sein kann, dass der gesamte Berg ein einziger Sumpf ist: Überall war Wasser, und nach kürzester Zeit akzeptierte ich resigniert, dass es in meinen Schuhen bei jedem Schritt gluckerte. Zum Sumpf gesellten sich stärkere Windböen, weshalb unsere Mittagspause auf einem der wenigen trockenen Flecken kurz ausfiel.



    mitunter lagen noch kurze Bretter im Sumpf herum, ehemals vermutlich zum Fundament der Bohlenwege gehörend



    Blick auf den westlichen Teil des Kutjaure…



    …auf den Sáluhávrre…



    …und zurück bis zum Akkajaure

    Als wir dann vom Njierek abstiegen, wurde das Tal vor uns in herrliches Sonnenlicht getaucht. Ein wunderschöner Anblick, auch, weil einige Pflanzen inzwischen zaghaft erste Herbstfarben aufwiesen. Gleichzeitig versprach der Blick ins Tal aber auch Sümpfe und Flussquerungen. Nachdem die Sonne unsere Gesichter nur mehrfach sehr kurz beschien, zog es endgültig zu. Immerhin war es mit ca. 7-8°C im Vergleich zu den Vortagen warm.



    sanfter Abstieg vom Njierek. Diese Weite liebe ich am meisten, mehr noch als die Gipfel des Sarek

    Den ersten von zwei Flüssen, die sich talabwärts zum Tsiekkimjågåsj vereinigen, überquerten wir ohne Schuhwechsel, da unsere Socken ja sowieso klamm waren. Den zweiten Fluss etwa 900 m später konnten wir so leider nicht bezwingen, er war zu tief. Während wir noch hoffnungsvoll nach einer flachen Furtstelle Ausschau hielten, begann es heftig zu regnen: 45 min trommelte es auf uns nieder, so stark, dass bis auf meine Unterhose nichts trocken blieb. Es half ja alles nichts, wir liefen weiter, schauten aber schon nach einem frühen Zeltplatz, da der Wind uns trotz der relativ warmen Temperaturen auskühlte. Als wir gegen 15.30 in einer Regenpause an einer Stelle zwischen mehreren flachen Hügeln ankamen, nutzten wir den mäßigen Windschutz und bauten schnell unsere Zelte auf. Keine Minute zu früh, denn plötzlich fing es wieder an, und hörte (mit schwankender Intensität) bis zum nächsten Morgen nicht mehr auf. Die nächsten Stunden verbrachte ich damit, allerlei Sachen auszuwringen und zum Trocknen aufzuhängen. Dabei zog ich aber weder meinen Merino-Baselayer noch die Alpha Direct Midlayer darüber aus, weshalb ich erst nach 3 h merke, dass selbst meine Baselayer vorne völlig durchnässt war. Da es mich bisher nicht gestört hatte, beließ ich es dabei und ließ die Klamotten am Körper trocknen. Als ich mich abends schlafen legte, waren sie trocken. Während wegen des Windes die Kondens auf mich herabregnete, schlief ich ein.

  • So liefen wir weiter auf den höchsten Punkt, den Njierek zu und fragten uns dabei, wie es sein kann, dass der gesamte Berg ein einziger Sumpf ist: Überall war Wasser, und nach kürzester Zeit akzeptierte ich resigniert, dass es in meinen Schuhen bei jedem Schritt gluckerte.

    Schön zu lesen, dass sich selbst nach 40 Jahren bestimmte Dinge nicht geändert haben.
    Ich war nur einmal mit Lederschuhen da oben unterwegs und all die Jahre danach nur noch mit Gummistiefeln. (Das war lange bevor irgendjemand in D überhaupt an trailrunner dachte).

    Während wegen des Windes die Kondens auf mich herabregnete, schlief ich ein.

    Bei Wind soll es ja kein Kondenswasser geben. ;) Aber da oben ist alles ein wenig anders ...

    Sehr schöner Bericht!
    Mit viel Déjà-vu.

  • Das Gear ist egal wenn das Wetter einfach mies ist..

    So oft wie mir Sarek das durchlaufen verweigert hat oder den Einlass verwehrte (bzw die Vernunft)...

    Die Samis erzählen jedes Jahr aufs neue "so ein nassen Sommer gab es noch nie"..

    Da hilft dir kein Gear wenn's einfach kacke ist.

    Mein Mitgefühl hast du und ich fühle mich an vieles erinnert...

  • ... und Gummi schneidet sich super, fällt mir noch ein. Zum Beispiel, wenn man mit dem Vorderfuss mal unter einen überstehnden Stein tritt. Das Gegenteil von idiotensicher. Die folgenden Jahre trampelt man damit winters in der Kleingartenanlage den Rasen kaputt weil zu feste Sohlen. BTW: habe ich jetzt endlich den OT-Schalter gefunden.

  • Tag 6

    Wie wir eingeschlafen waren, wachten wir auch auf: mit dem prasselnden Geräusch des Regens im Ohr. Dieser Berg schien der Berg des niemals endenden Regens zu sein, und tatsächlich war seine Flanke schon im Vorjahr auf dem Padjelantaleden der Ort gewesen, an dem mein Bruder und ich am stärksten durchnässt worden waren. Entsprechend befürchteten wir einen nassen Tag, wurden jedoch positiv überrascht, als der Regen plötzlich aufhörte. Tatsächlich blieb es den Rest der Wanderung trocken.
    Immer noch durch sumpfiges Gelände, und zwei kleinere Flüsse querend, marschierten wir strammen Schrittes bis zu dem Punkt, an dem der alte Wegverlauf des Padjelantaleden auf seine aktuelle Route trifft. Unser Tempo war dabei eigentlich unnötig, hatten wir doch viel Zeit…aber vielleicht wollten wir beide unterbewusst einfach mal die Füße auf trockene Bohlenwege setzen.



    Zusammenkunft vom alten und neuen Wegverlauf des Padjelantaleden. Durch das Flüsschen mussten wir glücklicherweise nicht

    Trockene Bohlen bekamen wir dann auch: der Padjelantaleden mit seinen Plankenautobahnen und Brücken über jedes Rinnsal fühlte sich wie Genusswandern an. So kamen wir gut voran, während wir uns abwechselnd gespielt über unnötige Brücken über kleinste Bäche aufregten, und Bohlenwege über fiese Sümpfe lobpreisten. Beim Abstieg zu den drei Brücken beim Sáluhávrre kam in einer Pause ein UL-Wanderer hinter uns her, der sich erst auf schwedisch, dann englisch, dann deutsch anerkennend zu meinem Regenrock äußerte. Sein Gesicht kam mir sofort bekannt vor, auch wenn wir uns zuvor noch nie begegnet waren, und innerhalb kürzester Zeit war ich mir sicher: es war PositivDenken ! Nach meinem Nachfragen hielten wir einen kurzen Plausch über unsere jeweiligen Wanderungen, bevor er weiterzog und wir unsere Pause ausdehnten. Dabei machten wir unbewusst arg früh (gegen 11.30) Mittag, da wir seit der Rückkehr auf markierten Pfaden quasi ohne Uhren wanderten.



    Der Padjelantaleden, mit Blick auf den Sáluhávrre



    der Vuojatädno bei den drei Brücken

    Erholt liefen wir alsbald weiter und erreichten gegen 12.20 nach 14 km die drei Brücken. Eigentlich hatten wir hier zu zelten geplant, aber es war uns viel zu früh. Zwar war es dort echt schön, aber spätestens als wir in einer fünfminütigen Pause sofort von Mücken umschwärmt wurden, stand die Entscheidung fest: wir liefen weiter. Der Plan dabei: in Richtung Kutjaurestugan aufbrechen und auf dem Weg dorthin die Zelte aufschlagen. Allerdings entpuppten sich die 7 km dahin als überwiegend sehr sumpfig. Dies änderte sich erst auf den letzten 1,5 km vor der Hütte, die dafür sehr windexponiert waren. So näherten wir uns zunehmend der Hütte, während sich mein Körper immer mehr bemerkbar machte: sowohl Achillessehne als auch Knie rebellierten stark, die 21 km waren zu viel des Guten gewesen. So stimmte ich einer weiteren Nacht in einer Hütte zu, wenngleich zu Anfang zähneknirschend. Die Kutjaurestugan war jedoch ein sehr schönes Plätzchen, und wir ja immerhin im Urlaub. Allerdings hatten wir nach dieser Tagesetappe, die schon 14.30 beendet war, nur noch 22 km für die kommenden 2,5 Tage vor uns, was ich irgendwie als unbefriedigend empfand. So verbrachten wir einen weiteren Nachmittag in einer warmen, gemütlichen Hütte, die sich im Laufe der Stunden immer mehr mit (ausschließlich schwedischen) Neuankömmlingen füllte.



    Stillleben in der Kutjaurestugan



    Seit wir den Sarek verlassen hatten, sahen wir dort (fast) immer nur Sonne ?(

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