Hallo zusammen,
auch dieses Jahr war ich wieder in Lappland unterwegs, dieses Mal mit meinem Vater. Wir hatten uns eine Tour im Sarek überlegt, in der zweiten Augusthälfte: Akkastugan-Rákkasbuollda-Nijákskájdde-Sareklåbbdå-Gukkhesvagge-Bierikjávrre-Bielavallda-Snávvávágge-Rapadalen - Rapadalen Hochroute- Skierffe-Saltoluokta. Vorgenommen hatten wir uns pro Tag etwa 15 km, über acht Tage mit 1,5 Tagen Puffer, was auf dem Papier zuerst einmal machbar klang. Doch es sollte anders kommen….
Die Tour stand schon unter keinem guten Stern. Zum einen plagten mich die Wochen vor der Wanderung aus dem Nichts zuvor nie dagewesene Achillessehnenbeschwerden, zum anderen sah der Wetterbericht schlecht aus: die ersten vier bis fünf Tage waren Temperaturen zwischen -1 und 5° angesagt, dazu viel Regen und stellenweise Schnee. Das war um einiges kälter, als man es im Durchschnitt Mitte August erwarten durfte. Zusätzlich hatten die vorangegangenen regenreichen Tage und Wochen für überdurchschnittlich hohe Pegelstände der Bäche und Flüsse gesorgt.
Anreise und erste Kilometer
Trotz dieser Vorzeichen hielten wir natürlich an unseren Plänen fest und machten uns mit dem bewährten doppelten Nachtzug Berlin-Stockholm-Nordschweden auf den Weg. Dabei war bereits die Anreise ein kleines Abenteuer. In Berlin auf dem Bahnhof verschob sich die Abfahrtszeit auf der Anzeigetafel immer weiter nach hinten. Als der Zug plötzlich ohne Vorwarnung oder Durchsage einfuhr, obwohl er laut Tafel noch eine weitere halbe Stunde hätte verspätet sein sollen, hat er sicher ein paar Reisende in Berlin stehen gelassen. Mit anderthalb Stunden Verspätung brachen wir gen Hamburg auf. Kurz vor Hamburg meldete sich dann die Schaffnerin, um sichtlich zerknirscht mitzuteilen, dass das Stellwerkpersonal in Hamburg-Vettel die Weiche falsch gestellt hatte, weshalb wir nun nicht auf Hamburg Hbf zurollten. Über mehrere Umwege und mit zusätzlicher Verspätung sammelten wir die Reisenden schließlich in Pinneberg auf. Sowas hatten wir auch noch nicht erlebt. Am nächsten Morgen rollten wir mit insgesamt 4 h Verspätung in Stockholm ein. Zu allem Überfluss war unser Nachtzug nach Norden wegen eines Oberleitungsschadens auf der Strecke gestrichen worden. Das gab mir zunächst einen Herzinfarkt, eh ich (nicht automatisch umgebucht wie sonst in Schweden üblich, sondern erst auf explizite Nachfrage) im Stockholmer Hbf Tickets für einen Ersatzzug besorgen konnte.
Long story short: trotz allerlei Widrigkeiten kamen wir am Ende tatsächlich pünktlich in den schwedischen Bergen in Ritsem an. Dort wartete unser letztes Transportmittel auf uns: für 500 SEK wurden wir gegen 18.15 in nur fünf Minuten mit dem Helikopter über den Akkajaure geflogen. Mir war die Angelegenheit zu wackelig, aber mein Vater genoss es sichtlich. Während wir bis dato gutes Wetter mit einiger Sonne hatten, wurde es bei Ankunft am Ufer des Sees minütlich schlechter. Obwohl ich etwa 5 km für den Abend einkalkuliert hatte, zogen wir bereits nach 2 km direkt hinter der Brücke über den Vuojatädno im stärker werdenden Regen wohlweislich unser erstes Lager hoch. Leider waren wir dabei noch nicht eingespielt und wurden doch ziemlich nass, bevor wir es in die Zelte schafften. Der Zeltplatz war außerdem von unten echt nass, aber zumindest windgeschützt. Nach einem ersten gemeinsamen Abendessen im XMid verkrochen wir uns in Schlafsack bzw. Quilt, und trotz der ohrenbetäubenden Kulisse des Vuojatädno fielen wir schnell in den Schlaf.
hier wurden wir soeben abgeladen
Der Vuojatädno begrüßt uns. Über der Stufe am linken Brückenkopf haben wir gezeltet
Tag 1
Als der erste volle Tag anbrach, war es von oben zum Glück bald trocken. Vom Untergrund konnte man das nur leider wirklich nicht behaupten: die dünne Erdschicht unter unseren Zelten glich einem vollen Schwamm, und tatsächlich hatte es bei meinem Vater durch das Tyvek groundsheet und den Zeltboden des Lanshans, das ich ihm gegeben hatte, leicht durchgedrückt. Ich hatte sofort ein schlechtes Gewissen und befürchtete einiges für die kommenden Tage. Zum Glück sollte dies der einzige solcher Vorfälle bleiben. Die ersten und letzten 2 km auf dem mir bekannten Padjelantaleden vergingen wie im Flug, obwohl mein Vater kiloweise Blaubeeren futterte. Die Landschaft lesend, blieb ich irgendwann stehen und sagte nur “Vadder, links!”
Der Fokus in diesem Bild wurde von meinem Vater nicht zufällig so gewählt...
Von nun an folgten wir einem Pfad, der anfangs nur in meinem Kopf existierte. Grob schlängelten wir uns dabei bachaufwärts entlang am westlichsten Wasserlauf, der vom Akkamassiv herunterkam. Besagte Gipfel und Gletscher waren leider in tiefe Wolken gehüllt, weshalb ich den Gletscherzustand im Vergleich zum Vorjahr nicht beurteilen konnte. Bald trafen wir auf einen ersten Sumpf, der uns den Weg versperrte. Noch etwas vorsichtig und mit trockenen Füßen entschieden wir uns, ihn zu umlaufen. Dafür kämpften wir uns durch ein Birkenwäldchen mit Unterholz und einigen überwachsenen Blöcken. Als mein Vater trotz meines bescheidenen Tempos nicht Schritt hielt, wollte ich mich gerade leicht besorgt umdrehen, als ich “Oh, eine Blaubeere!” vernahm. Beruhigt kämpfte ich mich weiter, wohl wissend, dass Vadder gut würde aufholen können. Alsbald waren die ersten Sümpfe unausweichlich, die wir jedoch über kleine Hügel (ich meine, man kann sie Horste nennen) springend überqueren konnten. Dabei sahen wir auch unsere ersten beiden Rentiere. So näherten wir uns stetig den steil vor uns aufragenden Akkaterassen, einem eiszeitlichen Relikt. Dabei trafen wir auch wieder auf einen Pfad, der eindeutig vor allem von Menschen genutzt wurde. Bevor wir an der Steigung ankamen, referierte Vadder jedoch über die tollen Pilze (Birkenpilze und Rotkappen), die er links und rechts des Weges verzückt bemerkte. Überhaupt waren das in den Folgetagen wiederkehrende Themen: Pilze und Blaubeeren.
Die Akkaterassen voraus, dazwischen Sumpf
Blick zurück auf den Pfad zu den Akkaterassen
Angekommen an den Akkaterassen, merkte mein Vater wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig, dass sein Rucksack so gar nicht ultraleicht war. Zwar hatten mein Bruder und ich ihm einige Dinge geliehen, insgesamt hatte er aber auch einiges eingepackt. Trotzdem schafften wir beide den steilen Aufstieg schnell und konnten über das Tal, durch das wir gewandert waren, zum Akkajaure zurückblicken. Nach vorn hingegen sahen wir zuerst riesige Toteislöcher, zwischen denen sich einige Pfade hindurchschlängelten.
Blick von der ersten Terassenstufe zurück in Richtung Akkajaure
So kamen wir auch auf den nächsten Kilometern gut voran, auch wenn es bald die ersten kleineren Bäche zu überqueren galt. Bei einem war sogar der erste Schuhwechsel vonnöten, da die Pegelstände in der Tat beträchtlich waren. Bereits jetzt bemerkte ich, dass meine extra angefertigten neuen Stiefel mit hoher Lederlasche leider alles andere als wasserdicht waren: Irgendwie drückte das Wasser an beiden Schuhen sehr tief von der Seite rein. Tolle Wurst! Jetzt hatte ich die Wahl, entweder mit nassen Füßen zu laufen oder doch Sealskinz samt Liner anzuziehen, was ich anfangs vermieden hatte, um meinen streikenden Achillessehnen etwas mehr Platz zu lassen. Für Tag 1 beließ ich es bei nassen Füßen, da es noch halbwegs warm war (6°, quasi sommerlich)...
Immer weiter hinauf schlängelte sich der Pfad, ehe er irgendwann abflachte und zur rechten der See Sjnjuvtjudisjávráj für kurze Zeit ins Blickfeld kam. Als sich der Pfad dann in sumpfigen Gefilden verlor, bekamen wir ein paar Tropfen ab. Zum Glück hörte es jedoch schnell auf und blieb dann bis zum Abend trocken. Bald hörten wir es laut brausen, und einen Moment später standen wir vor dem Rákkasjåhkå, der auf unserer Höhe in drei Flussläufe aufgeteilt war. Trotz des hohen Wasserstandes schafften wir es irgendwie ohne Schuhtausch hinüber, was wir mit der Mittagspause im Windschatten eines Felsens zelebrierten.
Erster Blick übers Tal im Süden auf den Gletscher am Gisuris
teils feuchter Untergrund, weiterhin Blick Richtung Gletscher
Danach wurde es an den Hängen südlich des Rákkasjåhkå erstmals etwas abenteuerlich: Ein Mix aus kleineren (trockenen) Blockfeldern, Sümpfen und hohem Weidendickicht schulte unsere Wegfindungsfähigkeiten, insgesamt kamen wir aber gut durch. Trotzdem dauerte es einige Zeit, bis im Tal der Zusammenfluss des Suottasjjåhkå mit dem Nijákjågåsj in Sicht kam. An dieser Stelle kam es erstmals zu einer Fehleinschätzung meinerseits, was die beste Routenwahl anbelangte: Mir war zwar bekannt, dass der Suottasjjåhkå grundsätzlich seine Tücken beim Furten haben konnte, ich nahm jedoch trotzdem an, dass dies an mehr als nur einer bestimmten Stelle möglich sei und führte uns deshalb grob südostwärts unterhalb des Várdotjåhkkå entlang, in etwa die Höhe haltend.
Rentiere gab es einige, tote und lebendige
Am Hang südlich des Rákkasjåhkå, Blick auf den Suottasjtjåhkkå
Blick ins Ruohtesvágge. Direkt rechts vom Bild ist der Zusammenfluss von Suottasjjåhkå und Nijákjågåsj
Als wir dann nach etwa 17 km an diesem Tag das Ufer des Flusses erreichten, wurde mein Fehler offensichtlich. Gerade mit dem bestehenden Hochwasser war in Sichtweite nirgends eine Querung möglich. Es war klar: wir mussten dem Fluss etwa 1,5 km abwärts folgen, um zu der einen Furtstelle zu gelangen, von der ich mehrfach gelesen hatte. Es war nun kurz vor 17.00 Uhr und wir fragten uns, ob wir die Querung heute noch in Angriff nehmen sollten. Obwohl es schon merklich abgekühlt hatte, wurden wir vom plötzlich einsetzenden Schneeregen trotzdem überrascht. Der half uns zumindest bei der Entscheidungsfindung: Zeltplatz flussabwärts suchen und die schwierige Furt morgen früh angehen. Wir stellten unsere Zelte minimal windgeschützt nach wenigen Hundert Metern Suche auf. Als mein Vater dabei in meinem Zelt sitzend die Heringe für sein Zelt suchte, riss er aus Versehen ein Loch ins Moskitonetz des nagelneuen XMid. “Naja, zumindest nicht das Außenzelt", dachte ich mir, während ich draußen im Regen stand und merkte, wie meine Zehen und Hände abfroren. Den Mücken schien es hier in dem Moment eh zu kalt gewesen zu sein. Obwohl ich 17.45 im Zelt saß und mich aufwärmen konnte, brauchte es bis 20.30, bis ich mich halbwegs gut fühlte und meine Zehen wieder spürte. Meine Notiz dazu: “ Mein Magen und einige Muskeln krampfen und mir ist einfach nur kalt."
Trotz des Verlaufs des Abends (im Nachhinein betrachtet warf der nächste Tag schon seine Schatten voraus), empfanden wir diesen ersten vollen Tag als herrlich: Wir waren unerwartet weitestgehend trocken geblieben und mein Fjällfieber war deutlich merkbar auf meinen Vater übergesprungen.