Chile / Argentinien - Patagonien - Villa La Angostura nach Ushuaia - Ruta40/Carretera Austral - 2024

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  • Nach langer Pause im alten Forum und noch fehlender Übersicht im neuen Forum versuche ich hier mal einen kleinen oder auch größeren Bericht, in der Hoffnung die ein oder anderen Mit-Forums-Menschen zu inspirieren oder vielleicht immerhin zu amüsieren.

    Ich wollte also in die große weite Welt da draußen. Mit dem Fahrrad sollte es losgehen, obwohl ich doch sonst immer auf Schusters Rappen unterwegs war... Alleine sollte es losgehen, obwohl ich doch sonst immer zu zweit unterwegs war. Doch Situationen verändern sich und so auch Träume und Ziele. Also auf in die USA und den Great American Rail Trail erkunden. ÄÄÄÄHM wohl eher nicht, wie der Titel sagt. :/

    Nachdem ich 2022 einigen Planungsaufwand und eine gewisse Portion Ratlosigkeit in den eben genannten Plan gesteckt hatte (wie zum Geier soll man knapp 6000km in einer normalen 30Tage Urlaubsphase schaffen?!), wurde ich dann 2023 von einigen super lieben Kolleginnen bei einem einmonatigen Arbeitsaufenthalt in Argentinien von einem neuen Plan überzeugt. Durch das "beste Land der Welt" - wie sie sagten - solle es gehen. Selbstverständlich waren bei dieser Überzeugungsarbeit keinerlei Flaschen Rotwein involviert und so ging direkt die Planung los.

    Ich habe viel gelesen, viele Listen gemacht, viele Routen überlegt, erstellt und verworfen. Zuerst sollte es die Ruta40 werden, eben weil das in Argentinien so sein muss. Nachdem ich mich dann über Wetter (WIND!) und die Landschaft informiert hatte, entschied ich mich dann doch einen Umweg von etwa 500km in Kauf zu nehmen um auch noch Chile und die Carretera Austral zu erkunden. Das stellte sich als hervorragende, aber auch sehr fordernde Lösung heraus.

    Der endgültige Plan war folgender. Nach dem Durchrechnen meiner Urlaubstage, dem eingeplanten Besuch bei Freunden und Kollegen zu Weihnachten und weiteren Faktoren blieb ein Zeitfenster von ca. 30 Tagen für die Fahrradreise (inkl. Flüge und Orga vor Ort). Start war in Villa La Angostura, weil dort ein Bekannter ein Hotel betreibt und ich so einen Fixpunkt für meine Ankunft hatte. Ende der Tour sollte, ganz klassisch, das "Ende der Welt" in Ushuaia sein. Natürlich auch, weil da ein Flughafen ist und ich damit eine Chance hatte schnell zurück nach Buenos Aires und damit zu meinen Leuten zu kommen um gemeinsam Weihnachten zu verbringen. Den Abschluss der Reise sollte dann ein einwöchiger Aufenthalt in der Provinz Buenos Aires bilden mit anschließendem Rückflug nach Deutschland.

    Weitere Fixpunkte während der Reise waren folgende:

    1. Futaleufú - Einstieg zur Carretera Austral um auch andere Landschaften zu sehen.
    2. Puerto Tranquilo - Besichtigung der "Capillas de Marmol"
    3. Villa O'Higgins - Ende der Carretera Austral, Grenzübergang nach Argentinien
    4. El Chaltén - Ankunft spätestens am 7.12. um noch einen Kollegen zu treffen, mit dem ich dort eine Wanderung machen wollte.
    5. Gletscher Perito Moreno

    Alles Zusammengenommen hatte ich so (Abzüglich der Reisetage im Flugzeug etc.) Tagesetappen von deutlich über 100km und keinen einzigen Pausentag vor mir. Die Idee war, an zwei Tagen "doppelte" Etappen zu fahren um einen Puffer für die Ankunft in El Chaltén herauszufahren. "Machbar" dachte ich mir.... Ich bin ja schonmal einen 300er gefaren, da sollte das gehen. (Pustekuchen^^)

    Das Vehikel für die Reise sollte mein treuer Drahtesel aus der Jugendzeit, von Arbeitskollegen scherzhaft "Der Rote Baron" genannt, sein. Den musste ich natürlich noch etwas ertüchtigen und "optimieren" für die lange Reise. Nach einiger Recherche stellte sich nämlich heraus, dass ein neues Fahrrad, mit annähernd gleichen Eigenschaften wie mein eigenes, vor Ort sehr sehr teuer werden würde (extreme Steuern auf ausländische Produkte). Zusätzlich war da die Unsicherheit, ob man denn ein wirklich passendes Fahrrad inklusive Taschen innerhalb von 1-2 Tagen finden würde - man erinnere sich an meinen Zeitdruck. Ich packte also all meine Ausrüstung nebst Fahrrad in einen großen Pappkarton und machte mich auf den Weg.

    Hier als Spoiler das Endergebnis für Zahleninteressierte:

    Zunächst werde ich den Bericht eher kurz halten, da 29 Tage dann ja doch etwas ausufernd werden können... Wenn Ihr Fragen habt, doch den kompletten Blog hier lesen wollt oder sonst was ist, dann freue ich mich natürlich und liefere gerne mehr Material.

    Eine Packliste bleibe ich leider vorerst schuldig, da ich mich erstens vor der Reaktion der UL-Fraktion fürchte :D und zweitens die Exceltabelle mit den Gewichten beim "Aufräumen" des Computers irgendwo verschlampt habe. Ich muss mal suchen...

    Nur so viel: Das gesamte Set (Fahrrad, Rucksack, die gesamte Ausrüstung, Klamotten am Leib, 2,9L Wasser, Verbrauchsmittel und ca. unendlich viele Riegel aus Deutschland) hat zusammen ~35kg gewogen auf meiner Personenwaage.

    Also los gehts!

    Tag 1 - Abschied und Aufbruch ins Ungewisse; 

    Villa La Angostura --> Villa Mascardi (Las Carpitas Camping); 123 km

    Nach einigen wechselhaften Tagen und einer (mental) harten letzten Nacht und ging es los. Alles war gepackt, das Essen eingekauft, Vergessenes ersetzt und die am Vortag omnipräsente Einsamkeit und Angst vor dem Ungewissen vertrieben. Eine letzte Umarmung mit neu gewonnenen Freunden, Abschiedsfotos, viel Winken und los ging es auf die staubigen Straßen Argentiniens. Zunächst noch in Begleitung der beiden Kinder meiner Freunde vor Ort und nach einer halben Stunde dann alleine.

    Der erste Tag war wesentlich anstrengender als gedacht. In der Retrospektive irgendwie amüsant, wie ich das im Verlauf der Reise über fast jeden folgenden Tag sagen sollte... Fast immer war es irgendwie härter als am Vortrag und doch kam ich immer ans Ziel... Zum Auftakt über 1000hm sind die eine Sache. Aber trotz gut ausgebauter Straßen musste ich wegen des vielen Verkehrs sehr weite Strecken im Schotter neben der Straße fahren. 10km/h langsamer, aber dafür doppelt so anstrengend und natürlich nicht sehr gut für das Material. Es war trotzdem ein schöner Tag! Am Sonnenschutz muss ich noch arbeiten. Morgen dann mit Beinlingen und improvisierten Handschuhen (weiße billige Socken in die ich Löcher geschnitten habe…). Obwohl es recht kühl ist brennt die Sonne ganz schön. Da hilft 50+ Sonnencreme auch nicht viel. Zum Abschluss des Tages der erste Campingplatz. Los Carpitos. Geführt von super tollen Menschen mit einer schönen Vision von Frieden, Achtsamkeit und Erholung. Achja und sie haben mir für meine Geschichte ein Bier ausgegeben und ich sollte an die Wand schreiben 😂 Es war sehr sehr schön und jetzt regnet es wie verrückt. „Gut zum meditieren“ sagt Chris 👍



    Tag 2 - Action auf der Hängebrücke

    Villa Mascardi --> Epuyén; 129km

    Neue Ausrüstung: provisorische Handschuhe aus Socken gegen die Sonne. (Habe bisher keine zu kaufen gefunden) Der heutige Tag war nochmal anstrengender als gestern. Nicht nur weil es mehr bergauf ging, sondern auch wegen der schwierigen Schotterpassagen. Aber zwischendurch gab es auch den ersten schönen Radweg! Kleiner Stopp an der Tankstelle und dann auf die Zielgerade. Noch ein Hängebrückenabenteuer und dann war es geschafft. Etwas zerknittert aber gut gelaunt mache ich es mir auf dem Acker (der wohl ein Camping Platz sein soll) gemütlich. Die Betreiberin war irgendwie sehr überrascht, dass jemand da ist. Interessant 🧐 Beim Zeltaufbau passierte noch ein kleines Malheur (FlipFlop+Hering=Autsch), aber dann konnte ich auch schon mit kochen und essen beginnen. Ob ich wohl zu viel Olivenöl verbrauche? 😂


  • WonderBär  Roiber

    Genau! Das ist ein GG Spinnshelter und zwar eins, dass Roiber vll sogar kennen könnte, wenn die Namen hier im neuen Forum gleich geblieben sind. :saint:

    + IKEA Matratzeneinpackfolie als Groundsheet

    + DIY Biwaksack, den meine Tante mir genäht hat<3

    Am Kopfende ein Trekkingstock, am Fußende mein Selfie Stick.

  • na das klingt doch mal richtig UL !

    Danke! Mein Ding sind eher so Luxusgegenstände, von denen ich viel zu viele dabei hatte. Andererseits haben auch gerade die auf der Reise unglaublich viel gebracht. Da komme ich bei folgenden Episoden nochmal drauf.


    Wenn hier jemand genauere Infos zur eigenen Vorbereitung wünscht, dann stelle ich selbstverständlich GPX-Tracks zur Verfügung und ihr könnt jederzeit fragen. Das werde ich bis auf einige kleine Ausnahmen aber nicht in dem Bericht hochladen.

  • Tag 3 -Schotter und Wolkenbruch 

    Epuyén --> Rio Arrayanes; 89km

    Ich schneide hier einfach mal die "das war jetzt wirklich der härteste Tag / schlecht fürs Material"-Abschnitte aus meinem Reisetagebuch (da bediene ich mich für den Bericht hier ganz ungeniert) heraus. :D

    Nach dem aufstehen und ausgiebigen Streicheleinheiten eines furchtbar flauschigen Hundes ging es zurück über die Hängebrücke vom Vortrag und auf die Straße. Was mit 40km guter Asphaltstraße begann, entwickelte sich rasch zu einem heftigen Schotterweg, der die Zähne klappern ließ… die Aussicht war dennoch wunderschön! Leider regnete es die letzten drei Stunden heftig, sodass ich klatschnass und durchgefroren am Ziel ankam. Dort erzählte mir der Mann an der Rezeption, das der Zeltplatz geschlossen sei, ich könne allerdings einen festen „Zeltdom“ mit Bett mieten… für 90€/Nacht… das war mir entschieden zu teuer und so suchte ich mit nassen Fingern auf meiner Karte nach dem nächsten Zeltplatz - nasse Finger und Touchscreens sind trotz Regenhülle keine gute Kombination. 5km und ein brutaler Anstieg mit teilweise >18% Steigung zusätzlich, aber es lohnte sich. Der Campingplatz war zwar auch halb geschlossen, aber der Besitzer freundlich und ich durfte sogar auf der Veranda schlafen um mein Zelt nicht im nassen aufbauen zu müssen. Es war noch ein anderer Wanderer da und statt super früh ins Bett zu gehen und mich für den nächsten Tag vorzubereiten (der Plan war, zwei Etappen hintereinander zu fahren), saß ich mit den beiden zusammen. Wir erzählten viel, teilten Wein und das leckere getrocknete Rentierfleisch aus dem Mini-Care-Paket von Mama und Papa und es war ein schöner Abend am Holzofen.

    Tag 4 - Auf zur Grenze!

    Rio Arrayanes --> Grenze nach Futaleufú (Chile); 105km

    Ein wunderschöner Morgen auf der Veranda des Campingplatzes am Rio Arrayanes. In der Saison sicher wundervoll mit Zugang zum Fluss. Momentan grast nur ein Pferd der Parkaufsicht auf dem Gelände. Mit den beiden neu gewonnenen Freunden ist es gemütlich und wir frühstücken entspannt. Dadurch verschob sich der Aufbruch deutlich nach hinten. Ein Umstand der sich später rächen sollte… nach 17km Schotter, jedoch mit tollem Wetter und schöner Aussicht, folgten 60km feinster Asphalt. In Trevelin konnte ich dann eine Pause machen, endlich wieder was frisches essen und dann ging es weiter. So plötzlich wie der Asphalt begann, so abrupt endete er auch wieder. An einer einfachen Straßenkreuzung setzte sich die Ruta Nacional 259, zuvor schöner Asphalt, als harte Schotterpiste mit Waschbrettprofil fort. Über weite Strecken besteht die Straße aus Wellen, die teilweise mehrere Zentimeter hoch sind und aussehen als würden sie irgendwie durch die Instandhaltung der Strecke verursacht. Manchmal gibt es aber auch einfach nur riesige Schlaglöcher oder losen Schotter. Ein ziemliches Abenteuer da irgendwie eine Ideallinie zu finden, Autos auszuweichen und nicht von den abschüssigen Straßenrändern (wo sich der lose Schotter sammelt) abzurutschen. Eine kleine Irrfahrt mit dem ersten Sturz der Reise rundete das heutige Abenteuer noch ab. Trotz der tollen Navigation und Routenplanung von Komoot ist man hier gut beraten NUR auf Hauptstraßen zu fahren und auch eingezeichnete Nebenstraßen nach Möglichkeit zu meiden. Sonst steht man unvermittelt im Nirgendwo ohne Chance auf Weiterkommen. Ich werde dahingehend die Routenplanung nochmal überprüfen. Nach Querung des Rio Futaleufú versuchte ich die Grenze nach Chile zu überqueren… Der frühe Vogel fängt den Wurm - ich also nicht. Leider war der Übergang schon geschlossen und ich muss bis morgen warten. Zwar gibt es einen Campingplatz mit eingeschaltetem WLAN, aber wo „Abierto“ draufsteht ist noch lange nicht „Abierto“ drin. Alle Lampen brennen (auch nachts), aber Klo und Waschräume sind verschlossen und ein Passwort zum WLAN gibt es natürlich auch nicht. Etwas unheimlich ist, dass hier ein Auto herumsteht, aber niemand zu finden ist. Also nahm ich ein kaltes Bad im reißenden Fluss und wusch notdürftig meine Kleidung. Dann ein ausgiebiges Abendessen und ab ins Bett zum Tagebuch schreiben. Morgen früh geht es dann hoffentlich über die Grenze!

  • Genau! Das ist ein GG Spinnshelter und zwar eins, dass Roiber vll sogar kennen könnte, wenn die Namen hier im neuen Forum gleich geblieben sind. :saint:

    Haha, stimmt, eben nochmal nachgeschaut. Das ist ja tatsächlich mein ehemaliges. Schön, es auf Tour zu sehen. Und dann auch noch in Patagonien, das es mir so richtig angetan hat!

  • Tag 5 - Erste Kilometer in Chile und ein echtes Bett

    Grenze --> Villa St. Lucia; 92 km

    Heute ging es rüber nach Chile. Zunächst jedoch wurde ich vom Besitzer des Campingplatzes geweckt. Der war natürlich etwas überrascht, dass ich dort unter dem Dach lag, aber sehr nett und ich durfte noch die Toilette benutzen und musste nichtmal was bezahlen! Nach einem Mini Frühstück mit dem Riegel aus Mamas Geschenk ging es dann los zur Grenze. Die Grenzkontrollen waren etwas verwirrend, aber nachdem ich dann auch noch die Rahmennummer meines Fahrrads angegeben hatte, durchsucht wurde und meinen Apfel vor den Augen des Grenzbeamten weggefuttert hatte, durfte ich dann durch. Leider war die Freude über den frischen Asphalt von kurzer Dauer und ich hatte wieder über 50km Schotter vor mir. Wunderschöne Landschaft und ein schmerzender Hintern. Aber ich habe auch nette Leute getroffen. Zum Beispiel ein Pärchen aus dem Schwarzwald, das jetzt in der Rente eine Reise durch ganz Südamerika macht. Sehr cool! Gegen Ende des Tages merkte ich dann, dass die ganze Aktion doch sehr an die Substanz geht. Hintern, Rücken und Gelenke lassen sich nicht mehr so gut ignorieren. Wirklich Sorgen macht mir aber nur das sitzen. Ich habe deutliche Druck- und Scheuerstellen… zwar hilft die Creme etwas, aber ich hoffe sehr, dass sich nichts entzündet. Da hilft nur säubern, desinfizieren und eincremen… 

    Mit diesen Aussichten, starkem Regen und der Erkenntnis, dass der herausgesuchte Campingplatz weder Toilette noch Dusche oder was zu Essen da hat, suchte ich mir erstmal ein Restaurant. Die Reise wird aufgrund des Zeitdrucks noch anspruchsvoll genug. Warum also mehr quälen als nötig?

    "Donde Betty" war dann meine nächste Anlaufstelle. Ein super süßes und gemütliches Restaurant, welches von einem furchtbar netten Pärchen geführt wurde. Wie praktisch, dass die noch ein kleines Zimmer frei hatten indem ich für kleines Geld ein wenig Kraft tanken konnte - sogar meine Klamotten wurden gewaschen! Meine Güte war dieser Lachs und die selbstgemachte Chipotlesoße lecker. 

    Tag 6 - Regen, Fischsuppe .... TSUNAMI??!!

    Villa St. Lucia --> Puyuhuapi; 112 km

    Los ging es von Villa St. Lucia nach Puyuhuapi. Der Abschied aus der Gemütlichkeit von „Donde Betty“ fiel angesichts des Regens schwer, aber was muss das muss. Auf der Straße traf ich sogar nochmal das französische Pärchen, was ich am Vorabend kennengelernt hatte. Sehr schön! Zum Mittag dann eine Pause in La Juntas mit einer super leckeren Fischsuppe, bevor es richtig anfing zu schütten. Überziehschuhen sei dank, hatte ich aber wenigstens warme Füße. Am Abend kam ich dann in Puyuhuapi an. Etwas befremdlich war, dass es dort eine Tsunami Warnung gibt. Scheint wohl notwendig zu sein. 😳 Mal wieder ohne Zelt schlafen. Aber die Dächer laden einfach dazu ein. Da brauche ich mir die Arbeit des Aufstellens nicht zu machen. Zum Abend endlich wieder Gemüse. Als Salat und gebraten aus meiner Tasse, zusammen mit Dosenfisch. Köstlich 😂

  • Tag 7 - Bergfahrt im Schwerverkehr

    Puyuhuapi --> Refugio Rio Cisnes; 81 km

    Der heutige Tag sollte ein ruhiger werden, da am Folgetag die Etappe mit den meisten Höhenmetern der gesamten Tour geplant war. Doch auch heute sollte es interessant werden. Wenige Kilometer aber 1200 Höhenmeter. Die Hälfte davon auf einem ca. 10km langen Anstieg am Stück und komplett auf einer Schotterstraße mit tiefen Schlaglöchern, losem Kies und sehr vielen LKW… Der Anstieg hat aber auch seine Vorteile. Es stellt sich richtiges Urwaldfeeling ein (auch wenn es kühl ist). Die grüne Berglandschaft ist wirklich beeindrucken. Wieder merke ich wie gut die Entscheidung war nicht nur auf der R40 zu fahren! Die Carretera Austral ist wirklich wunderschön.

    Eigentlich wollte ich mich ja für den langen Tag morgen erholen. Das hat eher nicht geklappt. Auch habe ich keine Zeit gefunden noch einen Abstecher in den Nationalpark Queulat zu machen. Müdigkeit und der Unwille bei Sonnenaufgang auf dem Rad zu sein ließen keine Zeit für diesen Umweg. Sehr schade, wie ich später anhand der Fotos anderer Menschen sehen musste. Einer der vielen Momente an denen ich feststellen konnte welche Vorteile eine ruhigere Form der Reise mit mehr Puffer hat. Andererseits wäre dann das gesamte Abenteuer in der Form nicht möglich gewesen. Ich versuche es also als Handel zu betrachten. Die einen Ziele, wie Ruhe, Spontanität und einige Aussichtspunkte werden getauscht gegen Termine mit Freunden und Kollegen und das Erfolgserlebnis es so weit geschafft zu haben. 

    Das Refugio Rio Cisnes ist ein wunderschöner Campingplatz mit phänomenaler Aussicht, einem tollen Zugang zum Fluss (in dem ich schwimmen war) und hervorragender Pizza! 


    Tag 8 - Staub und sengende Sonne; Erste Panne

    Refugio Rio Cisnes --> Coyhaique; 139 km

    Ein sehr sehr schöner Tag, aber auch der weiteste mit den meisten Höhenmetern. In Erwartung der Sonne komplett eingepackt und nach erfolgreich bestandener "Katzenkontrolle" startete ich meine Tour. Mir war eine Strecke Abseits der Hauptstraße empfohlen worden. "Gut mit dem Rad zu fahren" und die Hauptstraße sei VIIIIEEEEL zu gefährlich. Man erinnere sich daran, das ich bislang ausschließlich Hauptstraßen gefahren war... Naja man soll ja auf erfahrene Einheimische hören. Rücken- und Gesäßschonend war die Aktion sicher nicht. 8:20 reine Fahrzeit, über 70 km heftiger Schotter und 2150 Höhenmeter waren schon eine Hausnummer, aber auch das ging vorbei. Ein wenig Sorgen machte ich mir, dass der Sonnenbrand auf den Händen trotz 50+ Sonnencreme und der Socken mehr geworden zu sein scheint… aber immerhin tut es nicht weh, im Gegensatz zu ungefähr allem anderen. 😅 Der erste Platten war auch schon dabei. Aber da konnte ich recht schnell den Schlauch tauschen. Mal schauen ob ich den beschädigten in den nächsten Tagen reparieren kann. Die Fahrradläden in der Stadt waren leider alle zu (wir erinnern uns? Wo "abierto" drauf steht ist noch lange kein "abierto" drin!) und heute ist auch noch Sonntag. Also doch keine Chance da nochwas zu reparieren oder zu kaufen. Die Campingplätze, die ich bei der Vorbereitung herausgesucht hatte waren alle geschlossen und mitten in der Stadt war wildcampen irgendwie keine Option. Also doch nochmal ein Hostel suchen... Zähes Steak, vergleichsweise teure Unterkunft und irgendwie eine seltsame Atmosphäre, aber immerhin konnte ich mich ein bisschen ausruhen. Mit den Bussen sieht es auch schlecht aus… Der Plan war es, dass ich spätestens am 07.12. in El Chaltén ankomme um dort einen Arbeitskollegen zu treffen. Ihr erinnert Euch vielleicht daran, dass ich überlegt hatte doppelte Etappen zu fahren. Das ist an der Realität eines schmerzenden Gesäßes und der Tatsache, dass Schotter hier doch was anderes ist als am Isar- oder Donauradweg krachend gescheitert. Deshalb die Suche. Aber das werde ich aber nochmal prüfen und morgen auch versuchen zu trampen. Ich durfte heute auch den super schönen Adventskalender von Mama aufmachen! Eine sehr tolle Idee, die mir die Tour versüßen wird!

  • Das habe ich schlecht ausgedrückt. Das ist eher ein privates Reisetagebuch bei Polarsteps, bei dem ich die Links nur an enge Freunde und Familie verteilt habe.
    Deshalb hier jetzt Stück für Stück eine Version, die etwas tauglicher ist für die Öffentlichkeit mit weniger Fotos mit anderen Leuten, die ich ja alle fragen müsste, bevor ich deren Gesicht in die Öffentlichkeit halte.

  • Habs nicht ganz kapiert:

    El Chalten ist das Ende der Tour und um da rechtzeitig anzukommen willst Du jetzt ein Stück mit dem Bus fahren?

    Ebenfalls nicht ganz kapiert habe ich deinen Argentinienaufenthalt: Da bist/warst Du gerade sowieso beruflich und hast in der Zeit eine Radtour dort gemacht?

    Ausrüstung dann dort gekauft, hinschicken lassen, zwischendurch heimgeflogen oder wie ist das gelaufen?

    Einmal editiert, zuletzt von Maxi88 (4. August 2025 um 12:10)

  • Tag 9 - Taxi Sergio und die Marmorhölen

    Coyhaique --> Puerto Tranquilo; 20km Rad - 200km Auto

    Heute ist mein Glückstag!!! 

    Zwar fand ich keinen Bus, der in die richtige Richtung fuhr und mich und mein Fahrrad mitnehmen wollte, aber es gab ja immernoch die Möglichkeit zu trampen. Wie macht man sowas eigentlich?! Hatte ich noch nie probiert und ich fand mich jetzt auch nicht besonders vertrauenerweckend in meinen verstaubten Klamotten mit meinem Bastelprojekt auf zwei Rädern...
    Also erstmal losgefahren und einen Ort an der Straße gesucht, wo viel Platz ist um gegebenenfalls anzuhalten und die Autos beobachtet. Bei jedem vorbeifahrenden LKW und großen PickUp hielt ich also den Daumen raus und versuchte möglichst sympatisch zu wirken. 

    Tja was soll ich sagen. Nach nichtmal zwei Stunden hält staubend und mit quietschenden Reifen ein riesiger PickUp an aus dem ein fröhlich rufender Kerl herausspringt. Wo ich denn hin wolle und ich solle doch erstmal mein Fahrrad auf die Ladefläche werfen!! So lernte ich Sergio kennen, der mich einfach so von der Straße aufgelesen und bis nach Puerto Tranquilo mitgenommen hat! Er ist eigentlich Elektrotechniker, aber durch seine Arbeit sowohl in vielen Industrieanlagen wie auch in seiner eigenen Firma sind seine Erfahrungen breit gefächert. Er ist der erste auf der Reise der genau versteht wovon ich rede wenn ich über meinen Job erzähle! Natürlich fällt es mir schwer mich auf Spanisch auszudrücken, aber wir haben ein tolles Gespräch. Danke danke danke!!
    200km geht es in teils rasantem Tempo über Asphalt und Schotter. Mehrmals bin ich doch etwas besorgt ob der rallyeartigen Fahrweise, aber irgendwie ist es auch ziemlich witzig so durch die Anden zu düsen. Einmal muss ich herausspringen, weil sich bei einem sehr großen Schlagloch die rechte Trittstufe des Autos verabschiedet und ich das zwei Meter lange Metallrohr von der Straße auflesen und auf der Ladefläche verstauen muss.

    Warum bin ich eigentlich so begeistert, dass ich ausgerechnet nach Puerto Tranquilo mitgenommen werde? Nicht nur war dort ein Campingplatz, den ich schon vorher herausgesucht hatte. Nein. Puerto Tranquilo liegt auch am "Lago General Carrera", dem größen Sees in Chile, wo man die "Capillas de Marmol" finden kann. Dabei handelt es sich um eindrucksvolle, von Wind und Wasser ausgewaschene, Marmorhölen am und im See, die man mit Kayaks oder Bootstouren besuchen kann. Sergio war also nicht nur auf dem Weg in das gleiche Dorf wie ich, sondern hatte auch vor dieses Naturdenkmal zu besuchen - am gleichen Tag. Deshalb auch sein ambitionierter Fahrstil. Er wusste genau, wann die letzte Tour startete und beabstichtigte diese nicht zu verpassen. Gut für mich, dass er als Einheimischer keine Probleme hatte die notwendigen Infos zu erfragen und sofort zwei Tickets für uns besorgte. So saßen wir bereits 15 Minuten nach unserer Ankunft gemeinsam im Boot und begaben uns auf eine dreistündige Tour über den See mit unglaublicher Aussicht und tollen Erklärungen, die ich allerdings nicht zu 100% verstand, da der Tourguide doch sehr schnell sprach. Er gab sich redlich Mühe für mich offengebliebene Fragen zu beantworten und so wurde die Tour für mich nicht nur wegen der Aussicht, sondern auch wegen der neuen Eindrücke und Erklärungen zu einer der Hauptattraktionen der Reise. 
    Nach der Tour ging es dann noch gemütlich mit Sergio in einem Restaurant essen, bevor ich mir einen Platz für mein Zelt suchte und er die Rückfahrt antrat, da er am nächsten Tag arbeiten musste.

    Als Erinnerung und zum Dank für die schöne Zeit überlegte ich mir, was ich Sergio geben konnte. Auf der Fahrt bereitete ich für uns beide den traditionellen Mate Tee zu. Das war das Erste, was ihn überraschte und unglaublich freute - ein Fremder, der ihm so etwas anbietet. Hinsichtlich der UL-Philosophie ist die Mitnahme eines Glasbechers, Metallstrohhalms, Thermoskanne und einer zusätzlichen Dose mit Tee natürlich sehr zweifelhaft... Doch für mich hatten diese Ausrüstungsgegenstände, neben praktischem Nutzen, einen unglaublichen Wert auf der menschlichen Ebene. Es war so viel einfacher mit Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen, ich wurde sofort in Gruppen integriert und - wohl der wichtigste Punkt -  ich hatte IMMER etwas anzubieten, obwohl ich ja eigentlich nichts dabei hatte. Was hätte ich Sergio auch geben können? Geld wollte er nicht, viel Essen hatte ich nicht dabei und mit meinem Ersatzschlauch hätte er wohl auch nichts anfangen können. So war es das gemeinschaftliche Teetrinken und das Öffnen des ersten Türchens meines Adventskalenders, was ich ihm anbieten konnte. 

    Am Strahlen in seinen Augen und der Tatsache, dass wir jetzt - 9 Monate später - immernoch lose in Kontakt sind zeigt mir, dass es die richtige Idee war und das ich ein kleines bisschen Freude verbreiten konnte. Auf der Reise habe ich einige persönliche, teils sehr schwierige Prozesse angestoßen und alleine viele dunkle Momente durchlebt, über die ich nicht öffentlich schreiben werde. 

    Was neben einem neuen Anfang nach meiner Rückkehr bleibt ist die Erkenntnis, dass die Menschen als solches gut sind. In jedem schwierigen Moment sind Menschen wie Sergio aufgetaucht, die in irgendeiner Form zum Gelingen der Tour beigetragen haben. Das und die Tatsache, dass ich einigen davon echte Freude bereiten konnte macht Mut und soll diesen kleinen Einschub in meiner Geschichte positiv beenden. 

    Weiter gehts dann demnächst mit Tag 10.

  • Habs nicht ganz kapiert:

    El Chalten ist das Ende der Tour und um da rechtzeitig anzukommen willst Du jetzt ein Stück mit dem Bus fahren?

    Ebenfalls nicht ganz kapiert habe ich deinen Argentinienaufenthalt: Da bist/warst Du gerade sowieso beruflich und hast in der Zeit eine Radtour dort gemacht?

    Ausrüstung dann dort gekauft, hinschicken lassen, zwischendurch heimgeflogen oder wie ist das gelaufen?

    Danke für den Hinweis!
    Habe die Einleitung im Eingangspost erweitert und die zusätzlichen Passagen fett/kursiv ergänzt um es klarer zu formulieren. Ich hoffe es ist so deutlicher was mein Plan war. :)

  • Tag 10 - Calaminas mit Oscar

    Puerto Tranquilo --> Puerto Bertrand; 70km

    Am Vortag war mir erzählt worden, dass es eine Art "Nationalpark Reisepass" gibt. Das sollte wohl eine Art Stempelheft für die Nationalparks in Chile sein und ich dachte mir, dass das wohl eine schöne Erinnerung werden könnte. Leider konnte ich den Pass mit den Stempeln für die Nationalparks in Chile nicht in der Tourist Information besorgen, weil niemand da war, obwohl ich zu den Öffnungszeiten da war und mir von anderen gesagt wurde, dass offen sei. Naja, dann halt nicht.. Also wieder der Klassiker auf der Reise. Wo „Abierto“ drauf steht ist noch lange nicht „Abierto“ drin…

    Weiter ging es im Schotter. Auf dem Weg traf ich Oscar mit dem ich ins Gespräch kam und wir fuhren zusammen weiter. Hier lernte ich auch, dass das Waschbrettprofil der Straßen "Calaminas" genannt wird (siehe Foto). In unserem Gespräch hatte ich sie behelfsmäßig "ondas de la calle" (Wellen der Straße) genannt, was doch wie so viele meiner ausgedachten Bezeichnungen zu einiger Erheiterung führte. Aber was soll man machen, wenn man das Wort halt einfach nicht kennt? :D

    Nach einer Weile machten wir eine gemeinsame Pause mit Osuki, einem Japaner, der seit 11 Monaten unterwegs und in den USA gestartet ist. Nach einer Etappe, die wesentlich kürzer war als ich eigentlich plante, machten Oscar und ich dann in Puerto Bertrand halt. Dort hatte er auch schon einen Tipp für eine gute, günstige Unterkunft. Aber erstmal gabs ein bisschen „Gasolina“ um den Tag zu feiern. „Kunstmann“-Bier kann man in Chile sehr empfehlen!! Zwar wollte ich weiterfahren um keine Probleme mit meiner Routenplanung zu bekommen, aber nach einem Bier und den guten Gesprächen wollte ich mich auch nicht zu sehr hetzen lassen und wir verbrachten noch einen gemütlichen Abend an einem kleinen Lagerfeuer in unserer Unterkunft.

    Tag 11 - Abschied von Oscar und weiter ins Nirgendwo

    Puerto Bertrand --> Baucha Patagonia; 120km

    Nach einer etwas zu kurzen Nacht geht es dann gemeinsam mit Oscar weiter. Es war einfach zu gemütlich am Feuer und es gab viel zu erzählen. Zunächst kämpfen wir uns über steile Anstiege und durch Baustellen (hmmmm Asphaltdämpfe!) bis nach Cochrane durch. "Despues una subida, siempe es una bajada!" (Nach einem Anstieg ist immer eine Abfahrt!) lautet unser Wahlspruch des Tages bei dem vielen Hoch und Runter und nach einem Platten bei Oscar kommen wir dann auch gut in Cochrane an. Dort kann ich meine Gemüsevorräte und andere Lebensmittel auffüllen und Oscar sucht sich eine Bleibe für die Nacht, da er von hier aus wieder nach Santiago de Chile muss. Zum Abschied bekomme ich von ihm noch ein sauberes Halstuch gegen den allgegenwärtigen Staub und den Rest seiner Elektrolytpulver geschenkt. Es war eine schöne Zeit, doch ich muss weiter. Ein zusätzlicher Tag unter 100km würde meine Pläne sehr stark gefährden. So folgt ein wortgewaltiger Abschied und für mich geht es weiter ins Ungewisse. Die Besiedlung wird dünner und es sind nurnoch vereinzelte Bauernhöfe zu finden bis ich dann ziemlich erschöpft am Hof "Baucha Patagonia" ankomme, wo es einen kleinen Campingplatz gibt. Immerhin duschen kann ich und es gibt sogar einen Tisch unter dem Dach, wo ich mein Lager aufschlage. Nach dem harten staubigen Tag muss ich erstmal ausgiebig kochen... Hierzu kommt nach dem Reisebericht auch noch ein Teil zu meiner Ausrüstung. Dort habe ich für meinen Bedarf doch einige Verbesserungswünsche, die ich irgendwann realisieren will.

    Leider kommt nach dem Abschied von Oscar auch ein bisschen die Einsamkeit bei mir an. Zwar war es ja der Plan alleine unterwegs zu sein, aber ich merke doch, wie mental anstrengend diese Tour für mich wird. Das erste Mal alleine unterwegs, bisher nur einmal die Möglichkeit meine eigene Sprache zu sprechen, das alles ist doch sehr ungewohnt und macht sich zuweilen bemerkbar. Als ich dann so auf einem Baumstumpf nahe des Bauernhauses sitze um irgendwie ein Fitzelchen WLAN vom Starlink zu erhaschen und auf Nachrichten aus der Heimat zu warten, besucht mich immerhin der Hofhund um ein paar Streicheleinheiten abzuholen. Schon spannend wie schnell die Laune wieder steigen kann.


  • RaulDuke ich habe schon versucht das zu bearbeiten. Leider gibt es irgendwie ein Problem beim Hochladen. Für ein paar Sekunden werden sie korrekt angezeigt und dann ändert es sich komplett zu schwarz und die Bilder haben alle nur noch 11,78kb... Ich versuche es später nochmal! Zusätzlich gibt es eine Fehlermeldung.

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