Das ist ein Fehler. Nur weil die Gefahr gering ist, oder als gering eingeschätzt wird, ist sie nicht Null. Und dann sollte man - ausser man legt wenig Wert auf das eigene Leben - zum einen sich mit Lawinen etwas beschäftigen (einlesen, Lawinenbericht einschätzen lernen,...) und auf Touren im Schnee im Gebirge immer ein LVS, Sonde und eine stabile(!) Schneeschaufel einpacken.
Na, da behauptet aber jemand, sich ganz genau auszukennen. Da genau dies aber nicht der Fall ist, möchte ich mal etwas ausführlicher antworten.
Vorwegzuschicken ist, dass die Einschätzung der Lawinensituation ein ganz entscheidender - und im Zweifelsfall lebenswichtiger - Aspekt bei der Planung von Wintertouren ist. Ich habe, wie im Nachbarfaden angegeben, in den Nullerjahren etliche Hochtouren in den Westalpen unternommen und mich darauf gründlich vorbereitet. Dazu gehörte u.a. eine einwöchige Ausbildung vom DAV auf dem Brandenburger Haus, bei der ich neben dem Umgang mit LVS, Sonde und Schneeschaufel für die Verschüttetenbergung auch die Techniken der Spaltenbergung, der Orientierung bei Schlechtwetter und der Techniken zur Begehung von Steileiswänden bis 45° mit Eisgeräten 'vom Pickel auf' gelernt habe. So einen Kurs kann ich allen nur empfehlen, die bei winterlichen (aber auch sommerlichen) Bedingungen Touren in den höheren Lagen der Alpen unternehmen möchten. Da verschiebt sich der Fokus von UL hin zu Dingen die schwer, aber eben essentiell sind.
Und damit komme ich zu meiner Tour, die ich im Vorhinein nicht nur von der Seite der Ausrüstung her sorgfältig geplant habe. Wie beschrieben, und oben auf dem siebten Bild zu erkennen, verläuft die auf dem König-Ludwig-Weg. Das ist einer der am häufigsten begangenen Wege im Alpenvorland überhaupt. Der spleenige Namensgeber hat ihn vor 150 Jahren bauen lassen und sich darauf sommers wie winters mit Kalesche und Schlitten zum Schachenhaus kutschieren lassen. Genau diese Wegstrecke bin ich auch gegangen, und obwohl ich nur wenige Leute getroffen habe, wird dieser Weg (der im Sommer von Mountainbikern nur so wimmelt) auch im Winter häufig begangen.
Nun mag es Leute geben, die sich dort nicht auskennen, aber die sollten dann nicht behaupten:
Dem Bild nach zu urteilen ist dort kaum jemand unterwegs
Das Gegenteil ist der Fall. (Das kann man übrigens auch auf dem Bild erkennen, das Skispuren über die Lawinenreste zeigt).
Und damit komme ich zum entscheidenden Punkt, der Beurteilung der Lawinengefahr. Wer, wie Becks, glaubt, die anhand eines einzigen Bildes bestimmen zu können, hat sich schon mal als jemand zu erkennen gegeben, der klar zur Selbstüberschätzung neigt - tut mir leid, das so sagen zu müssen.
Die Einschätzung der Lawinenlage ist eine äußerst komplexe Herausforderung und verlangt neben der Beurteilung der meteorologischen u.a. auch die Deutung der geographischen Situation in der jeweiligen Gegend. Hier verläuft ein Weg am tiefsten Grund des Tals. Und jetzt muss man wissen, dass 90 % aller Lawinen vom Verschütteten selbst oder einer Person ausgelöst werden, die zur Gruppe des Verschütteten gehört. Hier liegt die Gefahrenlage also bei 10% - trotzdem ist sie natürlich nicht "Null". Und jetzt kommt ein weiterer entscheidender Gesichtspunkt hinzu, der unbedingt beachtet werden muss und mich damals in der konkreten Situation am meisten ermutigt hat, diese Tour zu diesem Zeitpunkt durchzuführen: die allgemeine Lawinenlage, die in Deutschland vom Lawinenwarndienst Bayern herausgegeben wird. Zu der Zeit, als ich unterwegs war, gab es komplette Entwarnung, was mit der Großwetterlage zusammenhing. Die Lawinengefahr ist am geringsten, wenn milde und nicht abrupte Temperaturwechsel die Verfestigung des Schnees beschleunigen. Genau das lag vor und deshalb war meine Tour zu dieser Zeit in dieser vielbegangenen Region meiner Ansicht und Erfahrung nach verantwortbar.
Ohne Kenntnis und Interesse an den näheren Umständen der Tour zu verkünden, diese Gegend sei
ist ebenso absurd wie die Behauptung, dass sich die umsichtige Frage nach der passenden Ausrüstung über 3000 m am besten mit dem Verweis auf eine Schulklasse beantworten lässt, die von ahnungslosen Lehrern in eine kritische Situation gebracht wurde.
Ich habe mich gefragt, wie jemand, der hier - und das nicht zum ersten Mal - spekulativ so drastisch urteilt, selbst seine Touren plant und mich etwas im Nachbarforum umgesehen - und erlebte dabei eine kleine Überraschung. Denn derselbe Poster, der sich hier - auf faktisch falscher Grundlage - als umsichtiger Beurteiler von Gefahrensituationen in Szene setzt, tritt im Nachbarforum mit vollkommen anderen Thesen auf, wenn es um die Beschreibung seiner eigenen Unternehmungen geht. Da beginnt ein Bericht schon mal mit den Worten: „20-30cm Neuschnee gab es und prompt geht die Lawinengefahr hoch auf drei. Von solchen Umständen lasse ich mich nicht erschüttern“.
Aha, das ist ja mal eine interessante neue Meinung zum Thema. Zur Information: bei Lawinenwarnstufe 3 liegt auf der bis Stufe 6 reichenden Skala eine „erhebliche Gefährdung“ vor, bei der 50% aller Lawinenopfer verunglücken. Ich selber habe mal eine geplante Schneeschuhtour von der Weidener zur Lizumer Hütte bei Lawinenwarnstufe 3 abgebrochen, als sich die Situation an der Schlüsselstelle etliche Tage nicht besserte. Becks lässt sich von einer solchen Vorhersage aber „nicht erschüttern“ und ‚verliert‘ auf dieser Unternehmung nicht nur sein Handy, sondern auch einen Kameraden aus den Augen, der mit ihm gestartet ist, was ihn (im Unterschied zum Handy) allerdings nicht weiter zu kümmern scheint.
Vergessen - oder verdrängt - hat er bei Abfassung dieses Berichts offenbar auch, dass er sieben Jahre zuvor schon einmal die Vorhersage ignoriert hat, „bei nicht optimalem Wetter“ aufgebrochen ist und schließlich selbstverschuldet in ein Lawinenunglück verwickelt war, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen. Ihr könnt die näheren Umstände in den Links gerne nachlesen.
Für mich stellt sich die Frage: Wie kompetent ist jemand in Fragen der Gefahreneinschätzung, der auf dürftiger Grundlage zu dogmatischen (und im vorliegenden Fall auch falschen) Urteilen kommt, von anderen verlangt, dass sie die Gefahren auf „Null“ reduzieren, sich aber andererseits in seinen Tourberichten als erfahrungsresistenter (und wenig empathischer) Draufgänger zu erkennen gibt?
Ich gestehe, dass ich keine große Lust habe, mir von jemandem, der so konsequent mit zweierlei Maß misst, meine Tour analysieren zu lassen.