Sarek und Kungsleden 2026

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  • Hallo zusammen,

    wie jedes Jahr möchte ich von meiner Wanderung in Nordschweden berichten. In diesem Sommer hatte ich große Pläne gehabt, die sich (man kennt´s) leider aus Verletzungsgründen nicht umsetzen ließen: Als Belohnung zum Abschluss der Promotion hatte ich mir vorgenommen, zuerst den Lapplandsleden solo zu gehen, dann zwei Wochen für Puffer und Abstecher zu haben und schließlich zwei Wochen mit meinem Bruder in den Sarek zu ziehen. Leider bemerkte ich im Mai auf der ersten Wanderung seit August 25, dass ich meine anfällige Hüftmuskulatur zu sehr vernachlässigt hatte, wodurch eine alte, längst überwunden geglaubte Überlastungsverletzung wieder aufbrach. Die Wochen zogen ins Land und letztlich musste ich nicht nur den Lapplandsleden für dieses Jahr absagen, sondern auch die Sarekwanderung arg umgestalten: Weil ich den Zustand meiner Hüfte nach zwischenzeitlicher Stoßwellentherapie ohne Belastungstest gar nicht einschätzen konnte, planten wir mit minimal 70 km in 10 Tagen auf dem Kungsleden zwischen Saltoluokta und Kvikkjokk, die sich mit meinen Ortskenntnissen umfangreich mit Abstechern in Richtung Sarek erweitern ließen.
    Ich war über den Lauf der Dinge naturgemäß nicht glücklich, aber wenigstens konnten wir überhaupt fahren. Dass ich mir in den Tagen direkt vor der Wanderung eine Erkältung einfing, hätte aber wirklich nicht sein gemusst.

    Tag 0: Erster Halbtag

    An unserem ersten Halbtag setzten wir gegen 11 mit dem Boot nach Saltoluokta über, bei etwa 13°, Sonne-Wolken-Mix und mäßigem Wind. Um die Hüfte langsam heranzuführen, dem Körper noch einen Tag Ruhe zu geben und weil ich organisatorische Telefonate zu führen hatte, stiegen wir an diesem Tag nur etwa 2 km den Berg hinauf. Oben angekommen wurden wir von einer Gruppe Rentiere begrüßt.


    Zu Beginn ging es bisweilen steil hinauf



    Unsere ersten Rentiere für diese Wanderung ließen nicht lange auf sich warten

    Wir sahen uns um und schlugen unsere Zelte ein paar Hundert Meter abseits des Weges in einem lichten Birkenwäldchen auf, um dem zunehmend stärker werdenden Wind zu entkommen. In der Folge unternahmen wir noch ein paar Erkundungsspaziergänge und gingen anschließend früh ins Bett.


    Panorama den Berg hinunter Richtung Nordwesten


    Auf Erkundungsspaziergang, Blick Richtung Tjeburisvárásj, rechts der Lulep Gierkav


    Unser erstes Lager, halbwegs windgeschützt


    Tag 1:

    Über Nacht frischte der Wind noch einmal deutlich auf, sodass ich ein paar Mal vom Rauschen in den Bäumen und sogar einmal vom Rascheln des Zeltes wach wurde. Der windgeschützte Zeltplatz war definitiv die richtige Wahl gewesen, wenngleich wir uns offenkundig auf einer Hauptstrecke der örtlichen Rentiere niedergelassen hatten: In den frühen Morgenstunden wurde ich davon wach, dass die Rentiere wenige Meter von den Zelten entfernt standen und nervös schnaubten, da sie uns eindeutig rochen, aber nicht sehen konnten. Da sie sich nicht wegbewegten, machte ich mich irgendwann akustisch bemerkbar, woraufhin sie das Weite suchten. Aber auch kurz nachdem wir gegen 7.00 aufgestanden waren, hörten wir abermals Schnauben und durchlebten eine ähnliche Situation, da uns die Rentiere durch dichtes Weidendickicht deutlich eher witterten als sahen.
    Gegen 9 kamen wir los, wobei der kräftige Wind zum Glück von schräg hinten blies. Wegen der steifen Brise war es trotz einiger Sonnenstrahlen eher kühl, und da meine abklingende Erkältung mit Ohrenschmerzen einherging, kombinierte ich meine Mütze mit zwei Kapuzen.
    Nach relativ kurzer Zeit bergan konnten wir gen Westen Blicke auf den Bietsávrre und Sluggá erhaschen, während sich zu unseren Füßen einige gelb-orange-rote Farbtupfer zwischen das weitestgehend dominierende Grün mischten und so für eine wunderschöne Farbpalette sorgten. Mehrfach kreuzten Rentiere den Weg und einmal huschte auch eine Gruppe Schneehühner in einem feuchteren Wegabschnitt davon. Dabei war der Kungsleden halbwegs moderat begangen: zwar konnte man irgendwo meist ein paar Wanderer sehen, aber es war selten wirklich überlaufen. So gingen wir durchs Fjäll, mit dem Berg Sjäkjo und einer liegenden Terassenlandschaft stets zur rechten, in die sich der Fluss Ávtsusjjåhkå immer tiefer einschnitt.




    Bisweilen erfreute uns das Fjäll mit Rentieren und buntem Untergrund



    Blick auf den Bietsávrre


    Blick in Laufrichtung, immer näher an Sjäkjo und Ávtsusjjåhkå herankommend

    Gegen 11.30 kamen wir am Shelter Ávtsusjvágge an und pausierten kurz, bevor wir einen langgezogenen Schotterhügel erklommen, der parallel zum Weg verlief. Ein Blick hinab zum Ávtsusjjåhkå offenbarte eine dichte, strauchige Ufervegetation, was ich mir für eine zukünftig geplante weglose Tour auf der anderen Flussseite notierte.


    Ufervegetation des Ávtsusjjåhkå, im Hintergrund der Shelter Ávtsusjvágge

    Bald im Anschluss entfernte sich der Pfad vom Fluss und über flaches Fjäll liefen wir bis etwa 14.00 voran. Nach nun etwa 10 km begann ich die lädierte Hüfte leicht zu merken, und da ich kein Risiko eingehen wollte und noch auf einen positiven Tourverlauf hoffte, schlugen wir deshalb etwa einen Kilometer später einigermaßen windgeschützt, allerdings nur ca. 50 m vom Weg entfernt unsere Zelte auf. Beim Zeltaufbau schauerte es kurz, allerdings zeigte sich bald zaghaft wieder die Sonne, weshalb ich die Gegend gemächlich ein wenig erkundete. Ich war ein wenig genervt von meinem Körper, da wir zwar streckentechnisch das Mindeste für den Tag herausgeholt hatten, rein zeitlich den kommenden See Sitojaure in 6 km aber noch hätten erreichen können. Mit Bootszeiten um 8.00 & 17.00 drohte uns so am Folgetag eine lange Wartezeit. Brummelnd über Sträucher steigend fand ich unweit des Weges ein erstes, sehr altes Rentiergeweih, das für meinen Plan einer DIY-Rentiergeweih-Garderobe leider nicht infrage kam. Als Stimmungsaufheller dienten hingegen die piepsenden Rufe meines Lieblingsvogels, des Goldregenpfeifers, der in einem nahen sumpfigen Bereich ungesehen aber deutlich hörbar residierte. So ließen wir Nachmittag und Abend bei Sonnenschein und Wind verstreichen.
    Es folgen abendliche Impressionen rund um unseren Zeltplatz.




  • chummer_fc 11. Oktober 2026 um 17:34

    Hat den Titel des Themas von „Sarek und Kungsleden 26“ zu „Sarek und Kungsleden 2026“ geändert.
  • Herzlichen Glückwunsch zur Promotion! Ich freue mich wieder sehr über deinen Bericht. Ich hoffe, deine Hüftverletzung hat dir noch ein paar schöne Tage gegönnt und dass es dir bald / inzwischen wieder besser geht!

  • wann wart Ihr denn genau unterwegs? Und wart Ihr mit den Zelten zufrieden?

    Mitte August war´s :)
    Bei der allseits diskutierten Thematik Zelte im Fjäll muss man sich ja immer fragen, wie viel Risiko man eingehen will. Ich hab bei allen drei Zelten, mit denen ich im Fjäll war (die beiden sichtbaren und ein Lanshan 1) keine Bauchschmerzen, solange es kein ausgewachsener Sturm ist. Letztes Jahr hatten wir durchaus Sturmböen, das war zwar ungemütlich, aber gefährlich wurde es in leicht geschützter Position nicht. Einen echten Sturmbunker wirst du unter Ultraleichtzelten vergebens suchen, ich werd mir bald aber noch das TT Stratospire zulegen und im Norden testen (darauf schwört ja so mancher).
    Letztlich ist die Frage, wie ungeschützt du zelten willst. Meine Erfahrung ist hier: Bei halbwegs gutem Wetter, wenn du mit Aussicht campen willst, sind meine Zelte super. Wenn richtiges Scheißwetter ist, will zumindest ich eh nicht mit Aussicht zelten, bin dann ja ohnehin so schnell wie möglich drin.

  • Kay vielen lieben Dank!
    Ein kleiner Spoiler: die Hüfte hat sich schnell an die Belastung gewöhnt und bis zum Ende der Tour keine ernsthaften Probleme gemacht:)
    Im Gegenteil, wir haben noch ziemlich Fahrt aufgenommen^^

    Wow, das ist ja super und freut mich für Dich! Hatte schon befürchtet, daß Du unterwegs Probleme hattest.

  • Tag 2

    Der zweite vollständige Tag begann mit Ungewissheit, da mein Bruder mit Übelkeit und Kreislaufproblemen wach wurde. Zum Glück wurde es mit der Zeit besser und gegen 9.30 konnten wir bei strahlendem Sonnenschein und nach wie vor beständigem Wind starten. Wir kamen ganz gut voran, und nach einigen Kilometern trafen wir plötzlich mitten im Fjäll auf einen Goldregenpfeifer, der ungewöhnlicherweise nicht wegflog, sondern in einiger Entfernung langsam vor uns weglief. Nachdem wir ihn nach etlichen Fotos (noch so ein Projekt für meine neue Wohnung) passiert hatten, sahen und hörten wir den Grund für seine (oder eher ihre) Taktik: In der Nähe saß ein einzelnes flauschiges Küken und piepste nach seiner Mama. Sie hatte uns also gezielt vom Nachwuchs weggelotst und ich bekam ein schlechtes Gewissen, dass wir sie ein paar Minuten lang, in respektvollem Abstand und leise, fotografiert hatten.


    Den ganzen Tag hatten wir Sonnenschein


    Blick am Vormittag Richtung Sitojaure


    Mama Goldregenpfeifer in leider nicht so guter Bildqualität


    Zwischendurch wurde es wieder bunt


    Gegen 12.00 erreichten wir dann bereits die Sitojaurestugan am gleichnamigen See. Es war sonnig und windstill am Wasser, was uns zum spontanen Waschgang im See verleitete. Am Bootsanleger, einige hundert Meter von der Hütte separiert und privat, warteten wir dann etwas, bis uns gegen 14.00 die Bootsführerin gegen Aufpreis eine verfrühte Überfahrt anbot. Auch wenn der Preis (wegen des hohen Grundpreises) happig war, nahmen wir das Angebot sehr gern an, da wir uns beide inzwischen halbwegs fit fühlten und am Nachmittag noch ein wenig Strecke machen wollten.
    Am anderen Seeufer ging es erst mit einem flachen Aufstieg durch sumpfiges Gebiet weiter, bevor es immer steiler wurde und schließlich in einigen Hundert Metern wirklich steiler Kraxelei endete.


    Im Birkenwald noch kurz vor der Sitojaurestugan


    das eher sumpfige Gebiet am anderen Seeufer


    Oben angekommen erwarteten uns sehr viele Rentiere auf einer sehr trockenen Hochfläche, die von Felsbrocken lose durchzogen war. Wir hatten weite Ausblicke gen Südost, und aus der Ferne schien es, als wäre der große See Tjaktjajávrre von Sandstränden gesäumt. In den Folgetagen sollte uns dann jedoch klar werden, dass dies wahrscheinlich ein Zeichen von Wassertiefstand war: die Gegend, in der wir uns bewegten, zeigte deutliche Spuren von Dürre und Trockenheit. Auch beim Abstieg in Richtung der Aktse-Hütte hatten wir gute Aussichten, bevor wie etwa 1.5 km oberhalb, an der Baumgrenze unser Lager aufschlugen: wir standen am Abzweig zum Berg Skierffe mit seiner berühmten Aussicht, die wir am Folgetag erleben wollten. Inzwischen schien mein Körper im Wandermodus angekommen, und tatsächlich sollte ich bis zum letzten Tag der Wanderung keinerlei Schmerzen mehr haben. Nach einem rundum sonnigen Tag verbrachten wir so unsere erste und einzige Nacht umgeben von anderen Zelten.


    Blick zurück, direkt nach dem steilen Aufstieg auf die Hochebene


    auf der Hochebene, mit dem Tjaktjajávrre im Hintergrund


    Abstieg auf der anderen Bergseite in Richtung der Aktse-Hütte


    Abendstimmung am Zeltplatz

  • Tag 3

    Die Nacht zwischen dem zweiten und dritten Tag war mit Temperaturen um den Gefrierpunkt die kälteste. Der Morgen begrüßte uns nur mit wenigen Sonnenstrahlen, der See Lájtávrre war in dichte Nebelschwaden gehüllt. Die Tagesplanung sah das Erklimmen des Skierffe und den Abstieg auf demselben Weg vor, weshalb wir eines der Zelte aufgebaut ließen und einen Großteil des Gepäcks zurücklassen konnten. Kurz nach 8.00 kamen wir los, in etwa zeitgleich mit ca. zehn anderen Wanderern. 7 km waren es ungefähr bis zum Gipfel, und da es überwiegend bergan ging, war ich sehr froh über das extraleichte Gepäck.


    Blick auf die Deltamündung des Ráhpaädno in den Lájtávrre, nachdem sich der Nebel verzogen hatte…


    ...und zum charakteristisch hervorstechenden Skierffe zu Beginn des Aufstiegs

    Mehrere Berge galt es zu überwinden, bevor wir am Fuß des Skierffe standen. Trotz der beträchtlichen Anzahl an täglichen Wanderern fanden wir den unmarkierten Pfad auf dem Hinweg nicht durchgängig, was insbesondere auf dem letzten Kilometer am Skierffe zu knackiger Anstrengung führte. So war ich heilfroh, als wir gegen 10.30 den Gipfel erreichten. Uns bot sich ein atemberaubender Anblick ins Rapadalen. Natürlich kannte ich ihn aus zahllosen Fotos und Videos, die mir regelmäßig in meine Instagram- und Youtube-Vorschläge gespült werden, aber ich kann euch versichern: das persönliche Erlebnis schlägt alles, jede noch so teure Kamera und jeden noch so fancy Filter. Nichtsdestotrotz verbrachten wir natürlich eine beträchtliche Zeit damit, die Aussicht nicht nur aufzusaugen, sondern auch zu fotografieren. Dass dabei nach kurzer Zeit die Sonne rauskam und es auch nahezu windstill war, rundete dieses Erlebnis ab. Wir verbrachten knapp 2 h auf dem Gipfel und endlich machte sich auch einmal die Mitnahme meines Zeiss-Monokulars bezahlt: durch die Vergrößerung konnte ich einige Elche beobachten, sowie Singschwäne und weitere Vögel. Es folgen meine bescheidenen Versuche, das untere Rapadalen mit meiner Handykamera einzufangen. Vier der 77 Bilder. ^^






    Der Abstieg gestaltete sich einfacher, da es uns von oben besser gelang, den Weg zu finden. So stiegen wir zügig hinab und erreichten nach 2h gegen 14.30 unseren Zeltplatz mit dem zurückgelassenen Gear. Da es entgegen der Wettervorhersage nicht unmittelbar nach drohendem Regen aussah und wir beide fit waren, entschieden wir uns, weiter zur Hütte Aktse abzusteigen und die Seeüberfahrt gegen 17.00 in Anspruch zu nehmen. Dieser Abstieg war für mich mit etwa 14 km in den Beinen durchaus überraschend herausfordernd, da er stellenweise sehr steil war und teils große Felsen und loses Geröll bereithielt. Dennoch schafften wir es problemlos rechtzeitig zum Steg, und pünktlich setzten wir zu viert mit zwei Italienern über. Auf der anderen Seeseite tauchten wir augenblicklich auf einem schönen Singletrail in Nadelwald ein, und während wir anfangs zu viert im Eiltempo losliefen, witzelten wir über die Bären, die sich nun zwischen Pizza und Thüringer Rostbratwurst entscheiden könnten. Bald schwanden jedoch meine Kräfte und wir ließen abreißen. Planmäßig kamen wir gegen 18.45 bei zwei Brücken an, bei denen sich einige Zeltplätze befanden. Nachdem wir seit dem See noch einmal 5 km gelaufen waren, kamen wir an diesem Tag so auf 21 km. Ich war super knülle aber nicht verletzt, und so flüchteten wir sehr schnell vor den Mückenscharen und dem kurz nach Zeltaufbau einsetzenden Regen in die Zelte.


    Blick auf den Lájtávrre beim Abstieg


    Abendlicher Singletrail im Nadelwald

  • Tag 4

    Der vierte Tag hielt großartiges bereit: da wir bisher ganz gut vorangekommen waren, konnten wir es uns locker leisten, weglos in den Sarek abzubiegen. Zuerst einmal ging es jedoch auf dem Kungsleden weiter. Der Zeltplatz der vorangegangenen Nacht hatte sich an der Grenze zwischen Nadel- und Birkenwald befunden, und wir stiegen erst sanft, später ziemlich steil auf, bis wir wieder im Fjäll standen. Während der Tagesbeginn bewölkt war, kam ausgerechnet beim schweißtreibenden Aufstieg die Sonne heraus. An diesem Morgen bemerke ich dann doch deutlich meine mangelnde Fitness, allerdings weniger an Muskelschmerzen denn vielmehr in meiner Lunge: Ich schnaufte wie eine Dampflok und musste sogar am Berg pausieren. Diese Pause gewährte uns aber zumindest herrliche Blicke zurück auf den Nadelwald im Tal und auf den westlichen Teil des Tjaktjajávrre.


    Blick auf den Tjaktjajávrre


    Blick auf den Lulep Suobbatjávrre und den Berg Tjahkelij, auf dessen Rückseite das Delta im Rapadalen liegt


    Oberhalb der Baumgrenze verlief der Weg zunächst über sanfte Hügel, ehe diese einer flachen Bergflanke wichen. Zur linken eröffneten sich herrliche Ausblicke auf den Rittak und Rittakluoppal, und aus dem Wald rund um die sumpfigen Flächen schallten Elchrufe zu uns herauf. Rund um den Unterstand Jågge tauchten wir kurzzeitig in Birkenwald ein, den wir jedoch glücklicherweise schnell hinter uns ließen. Nach 6.5 km an diesem Tag war es dann so weit: gegen Mittag verließen wir den Kungsleden an der Brücke über den Jåkkejågåsj nordwestwärts, um auf das Ijvvárláhko zuzusteuern.


    Rittak und Rittakluoppal, den Klängen nach zu urteilen eindeutig Elchterritorium


    der Jåkkejågåsj an unserem weglosen Abzweig gen Nord-Nordwest

    Anfangs kreisten meine Gedanken noch sehr um die kommenden Flussquerungen. Nach den feuchtkalten Erfahrungen im nördlichen Sarek im Vorjahr war ich ein wenig angespannt. Schnell wurde jedoch klar, dass wir dieses Jahr komplett gegensätzliche Bedingungen vorfinden sollten: der Untergrund, auf dem wir liefen, war völlig ausgetrocknet und die Bäche und Sümpfe (quasi) non-existent. Während das trocken-federnde Geläuf ein sehr gutes Vorankommen ermöglichte, waren es dennoch unwirkliche, gar gruselige Bedingungen, die mir aufs Gemüt schlugen.


    komplett ausgetrocknete Bedingungen beim Aufstieg und an den Bergflanken

    Erst als wir den Stuor-Dágár an seiner Südflanke umrundeten, sahen wir, dass zumindest die Niederungen des Ijvvárláhko grüner daherkamen. Wie geplant hielten wir die Höhe, als wir im Bogen auf den Suolanjunnje zusteuerten. An den dazwischenliegenden Hängen wurden wir bereits erwartet: eine dreistellige Anzahl an Rentieren hielt sich hier auf. Während wir uns vorsichtig auf sie zu und durch sie hindurchbewegten, kamen wir am einzigen nennenswerten Tümpel an, der nicht gänzlich ausgetrocknet war. Dort bot sich ein martialischer Anblick: Die Schädel zweier Rentierbullen mit mächtigen Geweihen lagen verkeilt am Ufer, umgeben von einigen knöchernen Überresten. Offensichtlich hatten sich die beiden Tiere in der letzten Brunft gemessen, unglücklich verkeilt und waren danach verendet. Nachdem wir die Szene fotografisch festgehalten hatten, ließen wir sie unberührt zurück. Aus meinen Erfahrungen setzte ich darauf, später noch Gestänge zu finden die ich mitnehmen könnte.


    in den Niederungen wurde es etwas feuchter und die Farben satter


    Tatort: Ijvvárláhko


    auch hier ist der Feuchtigkeitskontrast gut zu erahnen, aber selbst die grünen Weidenflächen waren stellenweise sehr trocken


    Als wir die Südflanke des Suolanjunnje entlangliefen, stiegen in einiger Entfernung zwei mächtige Adler auf, die ich auf Basis ihrer weißen Schwanzfedern als Seeadler identifizierte. Leider waren sie zu weit weg, um einen klareren Blick zu erhaschen. Vor uns lagen nun gen Westen die Seen und Bächlein des nördlichen Ijvvárláhko (korrigiert mich gern bei der geographischen Angabe, für das gemeinte Tal habe ich keinen anderen Namen). Bei einer Pause durchdachten wir die Möglichkeiten für die potentiell verbleibenden sechs Tage. Im Vorfeld der Reise und wegen des unsicheren Zustands meiner Hüfte hatte ich als maximalen Plan und das höchste der Gefühle vorgesehen, von nun an einmal nach Norden auf die Gådokbuollda vorzustoßen, in der Hoffnung einen Blick ins untere Rapadalen von Nordwesten aus zu erhaschen. Anschließend könnte es auf demselben Weg zurückgehen, die südliche Umrundung des Stuor Jierttá folgen und die Pårek-Ebene als Ausstiegsroute gen Kvikkjokk dienen. Angesichts der vielen verbleibenden Zeit witterte ich jedoch Morgenluft: im Prinzip war auch noch stattdessen eine abgekürzte Variante der ursprünglich vor der Verletzung geplanten Strecke möglich: An der Südseite des Pårte-Massivs vorbei, durch das Njoatsosvágge nach Nordwesten, anschließend nach Süden einschwenkend und als zeitlicher Kompromiss ab Darreluoppal den Padjelantaleden nach Süden folgend, statt noch einmal gewissermaßen weglos auf den Präststigen einzubiegen. Dies wären 90 km an sechs Tagen gewesen, in unserer körperlichen Verfassung durchaus realistisch!
    Leider eröffnete mir mein Bruder dann, dass es ihm nicht so gut ging und er gern nach der ersten Variante (--> der Gådokbuollda) den Heimweg würde antreten wollen. Ich konnte seine Beweggründe verstehen, und selbstverständlich willigte ich ein, uns nach dem nördlichen Abstecher am Folgetag gen Pårek und Kvikkjokk zu führen. Für diesen vierten Tag war die Luft jedoch raus, und nachdem wir den ersten und einzigen Sumpf des Tages gequert hatten, der diese Bezeichnung verdient hatte (samt göttlichen Moltebeeren!), schlugen wir unsere Zelte kurz nach 16.00 nach insgesamt 17 km im Windschatten einer Schotterterasse östlich des Stuor Jierttá auf.


    Blick von der Südflanke des Suolanjunnje nach West-Südwest. Von links nach rechts: Gállakvárre, Unna Jierttá und Stuor Jierttá


    Ein Gedicht in D-Moll: Moltebeeren<3

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