Hallo zusammen,
wie jedes Jahr möchte ich von meiner Wanderung in Nordschweden berichten. In diesem Sommer hatte ich große Pläne gehabt, die sich (man kennt´s) leider aus Verletzungsgründen nicht umsetzen ließen: Als Belohnung zum Abschluss der Promotion hatte ich mir vorgenommen, zuerst den Lapplandsleden solo zu gehen, dann zwei Wochen für Puffer und Abstecher zu haben und schließlich zwei Wochen mit meinem Bruder in den Sarek zu ziehen. Leider bemerkte ich im Mai auf der ersten Wanderung seit August 25, dass ich meine anfällige Hüftmuskulatur zu sehr vernachlässigt hatte, wodurch eine alte, längst überwunden geglaubte Überlastungsverletzung wieder aufbrach. Die Wochen zogen ins Land und letztlich musste ich nicht nur den Lapplandsleden für dieses Jahr absagen, sondern auch die Sarekwanderung arg umgestalten: Weil ich den Zustand meiner Hüfte nach zwischenzeitlicher Stoßwellentherapie ohne Belastungstest gar nicht einschätzen konnte, planten wir mit minimal 70 km in 10 Tagen auf dem Kungsleden zwischen Saltoluokta und Kvikkjokk, die sich mit meinen Ortskenntnissen umfangreich mit Abstechern in Richtung Sarek erweitern ließen.
Ich war über den Lauf der Dinge naturgemäß nicht glücklich, aber wenigstens konnten wir überhaupt fahren. Dass ich mir in den Tagen direkt vor der Wanderung eine Erkältung einfing, hätte aber wirklich nicht sein gemusst.
Tag 0: Erster Halbtag
An unserem ersten Halbtag setzten wir gegen 11 mit dem Boot nach Saltoluokta über, bei etwa 13°, Sonne-Wolken-Mix und mäßigem Wind. Um die Hüfte langsam heranzuführen, dem Körper noch einen Tag Ruhe zu geben und weil ich organisatorische Telefonate zu führen hatte, stiegen wir an diesem Tag nur etwa 2 km den Berg hinauf. Oben angekommen wurden wir von einer Gruppe Rentiere begrüßt.
Zu Beginn ging es bisweilen steil hinauf
Unsere ersten Rentiere für diese Wanderung ließen nicht lange auf sich warten
Wir sahen uns um und schlugen unsere Zelte ein paar Hundert Meter abseits des Weges in einem lichten Birkenwäldchen auf, um dem zunehmend stärker werdenden Wind zu entkommen. In der Folge unternahmen wir noch ein paar Erkundungsspaziergänge und gingen anschließend früh ins Bett.
Panorama den Berg hinunter Richtung Nordwesten
Auf Erkundungsspaziergang, Blick Richtung Tjeburisvárásj, rechts der Lulep Gierkav
Unser erstes Lager, halbwegs windgeschützt
Tag 1:
Über Nacht frischte der Wind noch einmal deutlich auf, sodass ich ein paar Mal vom Rauschen in den Bäumen und sogar einmal vom Rascheln des Zeltes wach wurde. Der windgeschützte Zeltplatz war definitiv die richtige Wahl gewesen, wenngleich wir uns offenkundig auf einer Hauptstrecke der örtlichen Rentiere niedergelassen hatten: In den frühen Morgenstunden wurde ich davon wach, dass die Rentiere wenige Meter von den Zelten entfernt standen und nervös schnaubten, da sie uns eindeutig rochen, aber nicht sehen konnten. Da sie sich nicht wegbewegten, machte ich mich irgendwann akustisch bemerkbar, woraufhin sie das Weite suchten. Aber auch kurz nachdem wir gegen 7.00 aufgestanden waren, hörten wir abermals Schnauben und durchlebten eine ähnliche Situation, da uns die Rentiere durch dichtes Weidendickicht deutlich eher witterten als sahen.
Gegen 9 kamen wir los, wobei der kräftige Wind zum Glück von schräg hinten blies. Wegen der steifen Brise war es trotz einiger Sonnenstrahlen eher kühl, und da meine abklingende Erkältung mit Ohrenschmerzen einherging, kombinierte ich meine Mütze mit zwei Kapuzen.
Nach relativ kurzer Zeit bergan konnten wir gen Westen Blicke auf den Bietsávrre und Sluggá erhaschen, während sich zu unseren Füßen einige gelb-orange-rote Farbtupfer zwischen das weitestgehend dominierende Grün mischten und so für eine wunderschöne Farbpalette sorgten. Mehrfach kreuzten Rentiere den Weg und einmal huschte auch eine Gruppe Schneehühner in einem feuchteren Wegabschnitt davon. Dabei war der Kungsleden halbwegs moderat begangen: zwar konnte man irgendwo meist ein paar Wanderer sehen, aber es war selten wirklich überlaufen. So gingen wir durchs Fjäll, mit dem Berg Sjäkjo und einer liegenden Terassenlandschaft stets zur rechten, in die sich der Fluss Ávtsusjjåhkå immer tiefer einschnitt.
Bisweilen erfreute uns das Fjäll mit Rentieren und buntem Untergrund
Blick auf den Bietsávrre
Blick in Laufrichtung, immer näher an Sjäkjo und Ávtsusjjåhkå herankommend
Gegen 11.30 kamen wir am Shelter Ávtsusjvágge an und pausierten kurz, bevor wir einen langgezogenen Schotterhügel erklommen, der parallel zum Weg verlief. Ein Blick hinab zum Ávtsusjjåhkå offenbarte eine dichte, strauchige Ufervegetation, was ich mir für eine zukünftig geplante weglose Tour auf der anderen Flussseite notierte.
Ufervegetation des Ávtsusjjåhkå, im Hintergrund der Shelter Ávtsusjvágge
Bald im Anschluss entfernte sich der Pfad vom Fluss und über flaches Fjäll liefen wir bis etwa 14.00 voran. Nach nun etwa 10 km begann ich die lädierte Hüfte leicht zu merken, und da ich kein Risiko eingehen wollte und noch auf einen positiven Tourverlauf hoffte, schlugen wir deshalb etwa einen Kilometer später einigermaßen windgeschützt, allerdings nur ca. 50 m vom Weg entfernt unsere Zelte auf. Beim Zeltaufbau schauerte es kurz, allerdings zeigte sich bald zaghaft wieder die Sonne, weshalb ich die Gegend gemächlich ein wenig erkundete. Ich war ein wenig genervt von meinem Körper, da wir zwar streckentechnisch das Mindeste für den Tag herausgeholt hatten, rein zeitlich den kommenden See Sitojaure in 6 km aber noch hätten erreichen können. Mit Bootszeiten um 8.00 & 17.00 drohte uns so am Folgetag eine lange Wartezeit. Brummelnd über Sträucher steigend fand ich unweit des Weges ein erstes, sehr altes Rentiergeweih, das für meinen Plan einer DIY-Rentiergeweih-Garderobe leider nicht infrage kam. Als Stimmungsaufheller dienten hingegen die piepsenden Rufe meines Lieblingsvogels, des Goldregenpfeifers, der in einem nahen sumpfigen Bereich ungesehen aber deutlich hörbar residierte. So ließen wir Nachmittag und Abend bei Sonnenschein und Wind verstreichen.
Es folgen abendliche Impressionen rund um unseren Zeltplatz.