Hallo zusammen,
gerne würde ich euch das Riverside Touring 920 präsentieren. Im Netz gibt es sonst nur Marketing-Videos Review kurz nach Veröffentlichung, aber (meines Wissens nach) keine, die Mal wirklich lange Touren mit dem Ding gefahren sind. Ich möchte hier auch negative Punkte anmerken, die mir aufgefallen sind.
Um welches Fahrrad geht es:
Reiserad 29 Zoll Riverside Touring 920 Reifen Vittoria Terreno RIVERSIDE | Decathlon
Angepriesen wird es als das sportliche Bikepackingfahrrad Ihrer Tourenradserie, die Sie vor knapp 4-5 Jahren veröffentlicht haben. Die Serie besteht aus dem 520er (für die kleine Wochentour gedacht), dem 900er (dem Welttourenbummler/Schwerlastesel), und dem hier präsentierten 920er (sportlich, eher Richtung Adventurebike, mit Dropbarlenker). Alle haben gemein, dass Sie mit dem gleichen Rahmen kommen.
Wichtig: beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass es inzwischen neue Versionen vom 900er und 920er gibt (mit dem Zusatz ADVT). Die Preise sind deutlich höher, Ich führe das v.a. auf die neuen Laufräder zurück, die jetzt DT Swiss sind (eine Kritikpunkt von mir später). Dafür wird aber bei der Schaltung ein bisschen gespart (nicht mehr SRAM Rival 1 sondern Schimano, dafür mit grösserer Bandbreite). Das neue 920er kommt auch mit einem flachen Lenker. Sonst sind die Räder auf den ersten Blick Baugleich.
Das Konzept:
Das Rad erinnert an die Salsa's, halt viel günstiger. Erreicht wird es durch einen Rahmen aus Aluminium, und bei manchen Komponenten, die nicht auf Marken basieren (dazu später noch). Die Gabel ist aus Karbon. Es soll ein Gravel Bike fürs Reisen sein, wobei es auf dem Spektrum Gravel-Mountainbike ganz klar Richtung Mountainbike schielt. Mehr Komfort, grosse Reifenfreiheit (und auch schon sehr breite Reifen montiert), ein Nabendynamo vorne mit USB-Anschluss verspricht Unabhängigkeit vom Strom. Das ganze Rad wiegt ca. 12 kg.
Interessant: die Gabel sowie der Rahmen haben eine lebenslange Garantie. Versprochen wird ein Systemgewicht von 170 kg.
Zusätzlich zum Bike hatte ich folgendes von Decathlon:
-Sattelstützengepäckträger bis max. 8kg
-Lenkerrolle mit Harnisch und "Handtasche" (mit Klett fixiert)
-Halbrahmentasche mit Tzip (mit Klett)
-Verschraubbare Oberrohrtasche
Inzwischen habe ich hinten den Tailfin Aeropack besorgt.
Das sehr Positive:
Ganz klar der Preis. Für damals 1600 CHF (in der EU der gleiche Preis in EUR, dass heisst knapp 10% günstiger) bekam man ein Vollausgestattetes Reiserad, mit Dynamo und USB-Lader, einem sehr hochwertigen Sattel und Gangschaltung. Vor allem die Möglichkeit recht breite Reifen (2.25er ab Werk, man kann mehr, aber für mich war das mehr als genug). Auch das versprochene Systemgewicht : das normale Gravelrad endet meist bei 100-110 kg. Für mich als damals 100 kg-Mann war das auch ein Verkaufsargument. Meine Ausrüstung ist zwar Ultraleicht, aber andere Räder haben es einfach nicht hergegeben. Decathlon besetzt damit eine Nische, wo normalerweise nur Framesets erhältlich sind, o. Räder die von allem nur das Beste haben (elektronische Schaltung, Carbon Rahmen etc.) und somit in einer ganz anderen Preisklasse unterwegs sind, sowie auch sonst nicht einfach zu bekommen sind in Europa - oder zumindest in der Schweiz. Dazu gab es passende Bikepacking Ausrüstung, die auch im Preis günstig sind und trotzdem gut halten (um die soll es jetzt aber nicht gehen).
Man bekommt also ab Werk ein Fahrrad, was sofort funktioniert und was auch noch "erweiterbar" ist (neue Komponenten, andere Reifen etc.). Wenn man also noch nicht genau weiss, was man will, und auch nicht zuviel ausgeben will - für mich ein Nobrainer.
Ich bin auch damit sofort quer durch Deutschland gefahren, (Schweiz - Dänemark, knapp 1'400 km), sowie kürzlich einmal durch den Osten (über 2'000 km), und noch etliche Touren nebenbei (Tages- und Wochenendtouren).
Das Rad ist komfortabel, der Sattel von Haus aus gut. Man fliegt mit den breiten Reifen über Kies und Forststrassen. Geschwindigkeitsrekorde kann man nicht erwarten, dafür ist es aber auch nicht gemacht. Wurzelige Trails, kleinere Stufen, alles kein Problem. Befestigen von Gepäck: kein Problem. Der Dynamo funktioniert auch super (Achtung, mit Powerbank. Smartphone direkt aufladen weniger gut). Natürlich darf man auch kein Hardtail MTB erwarten, irgendwann machen zu zerklüftete Wege auch kein Spass mehr.
Das Schwaltwerk funktioniert super. Einmal pro Saison eingestellt, musste ich das nicht mehr anfassen.
Sehr positiv hervorzuheben : Tubeless Ventile, extra Schaltauge und Speichen werden gleich mitgeliefert.
Das Nicht ganz so schöne - aber sicher eine Kompromissfrage wegen Preis:
Für den Preis darf man halt auch nicht alles erwarten. Die Bandbreite der Kassette lässt ein bisschen zu wünschen übrig für ein Offroad Reisebike. Andererseits gibt es im Dropbar-Lenker Bereich zum Kaufzeitpunkt nicht viele günstige Optionen. Erst kürzlich hat SRAM die APEX mit 11-50 Kassette herausgebraucht. Sonst musste man meist auf elektronische Schaltungen umschwenken. Die kommen aber auch mit einem anderen Preispunkt. Sonst muss man sich durch die Drittanbieter-Liste wie Gabaruk, Ratio technologies oder anderem durchwühlen. Dass das ein Grosshersteller wie Decathlon nicht macht, ist klar.
Auf dem Flachen ist es überhaupt kein Problem, bei mir im Jura wo es sehr schnell sehr steil wird wenn man aus den Tälern herausgeht schon.
Die Reifenwahl liess auch zu wünschen übrig. Es kamen die Vittoria Terreno Dry in 2.25''. Sehr gute Reifen, leider sind Sie, sobald es ein bisschen matschig wird, durch den Slick-Anteil überhaupt nicht mehr geeignet. Des weiteren sind Sie auch als XC-Race Reifen angepriesen. Daher sind sie entsprechend dünnwandig an der Flanke und halten nicht ganz so lange. Besser wäre ein Vittoria Mezcal gewesen, welcher im gleichen Preisrange ist, jedoch deutlich langlebiger daherkommen würde und versatiler wäre im Gelände.
Der Dynamo ist nach ca. 10'000 km durch. Die Lager haben Spiel gekommen. Ist für einen Dynamo dieser Preisklasse normal. SON gibt lebenslange Garantie auf Ihre Dynamos, und wären sicher die bessere Wahl. Ist natürlich einen anderen Kostenpunkt.
Auch das Tretlager wird ersetzt da es anfängt, Spiel zu haben, da kann ich nicht wirklich beurteilen, ob das im Rahmen des Verschleiss liegt. Ich nehme an ja.
Die Achsen für die Räder sind vorne 100 mm und hinten im 142 mm Standard, und somit eher der Strassenstandard als MTB- Standard. Das schränkt die Wahl bei Laufradsätzen mit breiterer Felge ein bisschen ein. Auch hier eine Preisfrage : dadurch kann der selbe Rahmen für 3 Versionen des gleichen Rades verwendet werden. Mit ein bisschen Mehraufwand bekommt aber das, was man möchte bzw. braucht.
Das wirklich nicht Schöne:
Die Laufräder : Das Hinterrad ist bei mir 2x an der Felge gerissen. Das erste Mal auf Garantie gewechselt, jetzt kommt ein komplett neuer Laufradsatz (auf meine Kosten). Die 170 kg habe ich nicht annähernd angekratzt. Da man bei den LR eh das meiste rausholen kann, würde ich nicht sagen, ein Killerkriterium für den Kauf. Aber man muss es einrechnen, dass er relativ flott fällig wird. Jetzt kann ich gleichzeitig grad den Dynamo upgraden und einen neuen Freilauf einbauen lassen (XDR für die 10-52er Eagle Kassette). Das neue 920er hat übrigens auch neue Felgen von DT Swiss, ist also entsprechend korrigiert. Das Systemgewicht ist neu mit 140 kg angegeben, immer noch mehr als ausreichend für eine UL Ausrüstung.
Der Montagepunkt für einen Gepäckträger ist nicht im rechten Winkel zur Längsachse. Somit ist die Auswahl Gepäckträger recht eingeschränkt. Der Ortlieb Quickrack ist übrigens gar nicht möglich. Für mich komplett unerklärlich und ein kompletter Design-Flaw. Ich brauche Ihn zwar nicht - aber dass das nicht gesehen wurde ist wirklich blöd. Auch das ist in der neuen Version anscheinend korrigiert.
Das wechsele ich jetzt aus:
- Die Laufräder: kommen neue DT Swiss drauf (AM Felge aus Alu, 32 Speichen), immer noch J-Bend für bessere Reparierbarkeit, und einer Nabe wo der Abzug der Kassette ohne Werkzeug funktioniert. Des weiteren wird ein SON-Dynamo eingespeicht. Carbon Felgen machen für meinen Anwendungsbereich keinen Sinn (vom Preis reden wir noch nicht)
- Gangschaltung: ich habe das Ratio-Technology Kit bestellt Damit kann ich die Rival 1 Schaltwerk und Schalthebel auf 12x Fach und kompatibel mit 10-52 er Kassette machen (ab Werk 11-42er). Mehr Bandbreite, mehr Berge. Viel günstiger, als eine AXS Gangschaltung zu montieren, und ich möchte weiterhin auf mechanisch bleiben, da ich nicht noch ein elektronisches Gerät mehr haben möchte (mit extra Ladegerät). Die Kurbel belasse ich vorerst bei 32. Für mich im Moment der richtige Kompromiss zwischen Geschwindigkeit bergab (bis 30-35 km/h kann man mittreten) und bergauf sollte es mit der neuen Kassette genug ermöglichen.
- Reifen habe ich im Rahmen des Verschleiss ausgetauscht, einen Exkurs auf 2.1'' Reifen, jetzt zurück auf 2.25'' Reifen. Das sind für mich die Richtigen. Bin mit den Vittoria Mezcal unterwegs.
Damit sollte ich meinem "Dreambike" sehr nahe kommen. Der Tausch des Laufradsatzes kann man beim Kauf des alten Riverside einberechnen. Der Rest ist eher Optimierung auf meinen Anwendungsfall. Da die Kassette und Kurbel sowieso durch sind, ist es auch eher ein Teil Werterhalt und nicht nur Upgrade-oder wie redet man sich 1'500 CHF schön. Ein neuer LRS auf Mass sind in der Schweiz 800 CHF, dazu knapp 300 CHF für den SON Dynamo, neue Kurbel und Kassette sind in den 1'500 CHF auch dabei, sowie der Umbau des Shifters und des Schaltwerks und sonst noch ein paar Kleinigkeiten (Ersatz Lenkerband, neue Rotoren etc.). Mit 400 CHF für einen anständigen LRS wäre man sicher auch dabei, und ist dann immer noch weit unter dem Budget für Markenräder in der Klasse.
Fazit
Man bekommt ein Rad, was sonst ein Nischenprodukt ist für sehr günstig und ab Werk sehr gut ausgestattet. Die einzigen wirklichen Mankos ist der Montagepunkt für den Gepäckträger und die Laufräder. In der neuen Version scheinen diese aber behoben (jedoch mit höherem Preis und keinen DropBar Lenker mehr).
Einige Design-Kompromisse sind nicht ganz schlüssig : wieso Leichtbaureifen für Race-Anwendung bei einem Reiserad ? Wieso einen eher teuren Sattel auf einem Budget-Rad (in meinem Fall OK da er passt, aber schade für Leute die Ihn auswechseln müssen), wieso eine Rival 1 (mit einer Apex wäre man sicher auch gut unterwegs - und günstiger).
Am Ende habe ich aber ein Rad bekommen, was a/ sehr viel Spass gemacht hat und b/ mir sehr günstig den Weg ins Bikepacking ermöglicht hat. Ich kann es jetzt nach meinem Gusto erweitern und für meinen Anwendungsfall optimieren. Und davor möchte ich doch den Hut ziehen.