Vallehermoso - Aurure
Aufstehen, packen und – erstmal Frühstück. Hektisches Treiben in der einzigen offenen Bar am Platz, es ist gerade mal 8. Ich liebe diese spanischen “normale Leute” Bars. Ich bestelle ein Sandwich Americano (mit der wichtigsten Frage: “mit oder ohne Mayo?”) und einem Café con Leche. Menschen türmen sich neben mir. Viele Arbeiter, aber auch einige Rentner. Jeder kommt dran. Immer mit der Ruhe. Die ersten Schnäpse & Cañas werden gereicht. Für mich noch einen Cortado. Zusammen unter 10€ Zeche. Geil. Noch ab in den Supermarkt und sich mit Proviant versorgen. Es braucht nicht zu viel. Oben wird ein Restaurant sein (mit eher touristischen Ruf) und in El Mono (der Affe??) ein Supermarkt und eine Bar. Also los. Zuerst geht es Treppen rauf, dann steht man am Trail. Kakteen und Wolfsmilch. Palmen.

Später immer mehr Bäume. Es wird ein niedriger, aber dichter Wald. Nach einem Stück Straße steht man vor dem Restaurant. Es ist 11 und mein Wasser reicht noch. Also weiter. Es nieselt zwischenzeitlich immer wieder, was ich zunehmend ignoriere, zu angenehm ist die Erfrischung. Bei El Bailadero dann eine Absperrung. Ich werde darauf hingewiesen, dass die Naturschutzparks seit Tagen gesperrt sind. Geil. Und mir sagt wieder keiner was. Mitten am Trail. Ist ihm wurscht. Und ich soll mich jetzt in Luft auflösen? Ich versuch mich nochmal vorbei zu schleichen, gebs dann doch auf und umgehe den Traileingang auf der Straße. Schade. Die Chorros de Epina hätte ich schon gerne gesehen. Da gäbs auch Wasser. 4km später stehe ich wieder im Trail. Genauer, in einem Fluß. Zunächst versuche ich noch, vorbei zu hüpfen, das gebe ich aber bald auf und laufe einfach durch.

Ich erinnere mich an den Herrn, der meinte, die Wege seien gesperrt. An sich sollte man ja auf Einheimische hören…?
Was da halt bisher an Wasser runter gekommen ist, ist für deutsche Verhältnisse nichts, was nicht an einem normalen Nachmittag runter kommen würde. Ich laufe weiter und erinnere mich an eine australische Statistik, dass wohl von allen Touristen am häufigsten Deutsche dort zu Tode kommen. Und Japaner. Nachdenklich gehe ich weiter.
Es geht immer weiter runter, an einigen Bewässerungssystemen vorbei. Es hat immer wieder genieselt, aber jetzt zieht es zunehmend zu. Endlich komme ich in einem Dorf an. Aus der Bar laute Schreie. Wtf? Ich habe Hunger. Ich ziehe meine mittlerweile übelst müffelnden Schuhe aus, hänge die Socken zum Trocknen auf und schlurfe barfuß in die Bar. Man streitet nicht, man diskutiert! Und trinkt Wein! Aus Saftgläsern!? Salut! Ich frage ob es etwas zu essen gibt. Boccadillos! Ich bestelle “Lomo” --- Ja, klar, bitte mit Mayo. Dazu etwas Rotwein aus dem 5l Tetrapack der hinter dem Tresen steht. Lessons Learned: Wein macht nur halb so platt wie Bier, Mittags. (Muss am Hopfen liegen, war angeblich die Idee der Hl. Hildegard von Bingen). Noch schnell Wasser kaufen im Supermarkt. Es haben sich neue Gäste eingefunden. Die Diskussion geht euphorisch weiter. Wie kann man nur so plärren, ohne sich zu prügeln? Noch ein Käffchen und weiter geht's auch für mich. Ab jetzt, aufwärts. Zunächst die Straße lang, immer weiter hoch und später dann wieder Eselsweg. Wunderschöne Terrassenanlagen, mit Agaven und Palmen. Von hinten drückt es dunkle Wolken rein. Ob die vorbeiziehen? Je höher ich komme, desto stärker wird der Wind und desto schlechter wird das Wetter.

Ich schaue auf die Karte. Sieht steil aus. Gebirgig. Fuck. Ich passiere eine Straße und es fängt an zu regnen. Es geht kurz durch ein Wäldchen und plötzlich steht man neben einer Wand, wohl 50m hoch. Man hat grob 1 m breiten Weg, und danach geht es richtig runter, so 50m, gefühlt. Es regnet. Der Boden ist matschig. Es geht immer wieder rauf und runter, teils echt steil. Und gleich daneben geht's richtig bergab. RICHTIG bergab. Ich sehne mich nach meinen Bergschuhen und deren Profil. Fuck. Höhe ist nicht immer meines. Als ich um die Ecke biege, sehe ich den Wasserfall, an dem ich vorbei muss. Fuck! Umkehren möchte ich jetzt an sich nicht mehr. Ich bin mitten am ADW.

Der Wasserfall des Barranco de Taguluche ist passierbarer als angenommen. Cielos Santos. Der Weg geht immer wieder auf und ab. Schlammig und windig. Als ich den Flugzeugmodus meines Handys kurz deaktiviere, geht eine Katastrophenalarm Meldung los. Man soll das Haus nicht verlassen. Hach, ja. Und laufe durch den Regen weiter. Fuck. FUCK! Das Trailstück endet mit einer Kapelle, was ich gut verstehen kann. Leider abgesperrt. Der Vorplatz der Kapelle ist von Erdrutschen demoliert. Ich laufe unter einem Mini-Aquädukt, der aus allen Löchern mit Wasser spritzt Richtung Straße. Man umklettert eine Absperrung aus Bauzaun und dem Hinweis, dass der Trail aktuell nicht passierbar ist. Als ich nach Arure rein laufe, sehe ich auf der anderen Seite des Tals, wie ein schlammiger Wasserfall nach unten rauscht. Blaulichter, Stau, die Straße ist gesperrt. Ein Polizeiauto fährt mich fast um. Ja, meine Herrschaften, man läuft auf der linken Seite am Land, um kommende Autos zu sehen! Ich beschließe mir entgegen meiner ursprünglichen Absichten vorerst eine Unterkunft zu suchen und den Tag einen Tag sein zu lassen.

In Arure gibt es einen Tante Emma Laden mit nicht erfahrbaren Öffnungszeiten und zwei definitiv eher touristischen Restaurants sowie ein paar Appartements als Unterkünfte.
Rückblickend war der Teil zwischen El Mono und Aurure sicher der herausfordernste, aber auch der schönste Teil meiner Wanderung bisher.