Ein Fehler, der oft gemacht wird, ist der, dass quasi das Pferd von hinten her aufgezäumt wird. Man geht von seinem Sommer-Setup für mildes Klima aus (T-Shirt und Plastikplane reicht) und alles, was dann über das 3kg base weight hinausgeht, wird als ärgerlich und möglichst zu vermeidendes betrachtet.
Stattdessen müsste man doch analytisch vorgehend damit beginnen, was sich denn bewährt hat. Was könnte man denn als Referenz betrachten? Mir käme da das Hilleberg Nallo in den Sinn. Kein Zelt muss wirklich schwerer sein, es sei denn, man hat ganz spezifische Anforderungen. Wir sprechen also von etwa 2,4kg. Was gibt es also, das leichter ist aber ein gleiches Niveau an Schutz bietet? Kuppelzelte sind in der Regel stabiler oder toleranter, aber entweder schwerer oder kleiner. Dann käme die Klasse der „Lappland-Torpedos“, Tunnelzelte mit nur einem Bogen. Akto, Enan, Scarp etc., geringe Sitzhöhe, klaustrophobisch, meist kleine Abside. Pyramiden-Stil, meist viel leichter, geringe Kopffreiheit, auf sehr(!) gut sitzende Heringe angewiesen (jedes Zelt braucht gut sitzende Heringe im Sturm). Und dann kommt die Klasse der dual-(trekking-)pole Zelte. Sie versprechen meist große Apsiden, gute Sitzhöhe und Kopffreiheit. Nur vereinen sie im Allgemeinen in puncto Sturmsicherheit alle Nachteile in sich. Man erkauft sich den Komfort mit einem Verlust an Sicherheit. Und ich fürchte, dass vielen dieser Schritt gar nicht bewusst ist. D.h. unbemerkt wurden mehr und mehr Abstriche gemacht, was augenscheinlich wird, wenn man sich wieder das Referenzmodell vor Augen hält. Das was sich bewährt hat. Dual-trekking-pole Zelte werden zwar benutzt und sind beliebt, aber haben sie sich auch bewährt? Aus eigener Erfahrung würde ich sagen „nein“. Zumindest solange man keine Abstriche in puncto Sicherheit machen möchte.
Klar kann man sich fragen „brauche ich soviel Sicherheit überhaupt?“. Dabei sollte man sich aber bewusst sein, dass man sich da auf sehr dünnes Eis begibt und man schon sehr genau wissen muss, worauf man sich einlässt. D.h. Abstriche müssen durch Erfahrung und Verlässlichkeit der restlichen Ausrüstung kompensiert werden. Kann ich wirklich das Wetter gut genug einschätzen? Die Wegbeschaffenheit, das Gelände? Hab ich genügend warme Kleidung (nicht zuletzt verlässliche Regenkleidung)? Wie ist meine eigene körperliche und mentale Verfassung?
Man sollte beim Erteilen von Ratschlägen nicht vergessen, dass was man für sich persönlich als kalkulierbares Risiko - bewusst oder nicht - in Kauf genommen hat, nur selten und wenn doch nur sehr schwer auf andere übertragbar ist. Ihr wisst nicht, wer hier mitliest und wer dann was für welche Rückschlüsse zieht, nur weil er oder sie denkt, verstanden zu haben, was die jeweiligen Kompromisse sind, die bei einer konkreten Entscheidung in Betracht gezogen wurden. Nicht jeder Gedanke wird zu Papier gebracht oder wenn doch, nicht jeder zu Papier gebrachte Gedanke, wird auch korrekt verstanden.
Das Kernproblem bei den meisten Zelten ist, dass sie mehr "gefühlten" als realen Schutz bieten. Viele Faktoren die ich beim Tarp noch in der Hand habe, werden mir vom Zelthersteller vorgegeben. Bei grenzwertigen Bedingungen heißt es dann, top oder flop.
Heißt aber auch, man muss seinen eigenen Fähigkeiten vertrauen können (was einen entsprechend großen Erfahrungsschatz voraussetzt). Weiss ich mehr als ein Bo Hilleberg? Ich jedenfalls eher nicht. Weiss ich mehr über Nordskandinavien als Dan Durston oder Henry Shires?
Vielleicht an der Stelle auch nicht vergessen, dass all die grossen Hersteller auf Gewinn angewiesen sind und daher ihre Zelte nach Marktkriterien entwickeln. Sie müssen sich in erster Linie gut verkaufen und dann muss die Marge stimmen. Ich denke man kann das ziemlich gut an Tarptent sehen, dass über die Jahre die Qualität immer weiter abnimmt, dem Trend folgend billigere Materialien verwendet werden und auch am Herstellungsprozess gespart wird. Egal was sie dir erzählen.