2. Abschnitt: Storlien - Gäddede - Teil 1
(Sorry, es hat ein Weilchen gedauert und ich hab beschlossen meine Erzählung hier weiter aufzuteilen, weil es sonst einfach zu lang wird und ich sonst nie fertig werde - es mangelt gerade etwas an Motivation)
Die meisten würden wohl klar sagen, dass dies der unbeliebteste Abschnitt des GBs ist. Das liegt daran, dass man sich mehr oder weniger zwischen viel Straße oder Sumpf entscheiden muss. Meist wird es aber beides. Auf meinem ersten GB war das dann zumindest so. Ich habe vor allem endlose Latscherei auf Schotterpisten in Erinnerung. Die Alternative ist weglos durchs fjäll. Das ist nicht weniger nass, aber zumindest keine Straße. Da ich was erleben wollte, war von Anfang an der Plan der Route „Jämtland West“ zu folgen, wie im Buch von Jörgen Johannson beschrieben. Und so sollte es auch gewissermaßen das Highlight meines zweiten GBs werden, da ich die Ecken, durch die diese Route führt, noch gar nicht kannte: Skäckerfjällen, Sösjöfjällen, Svenskådalens Naturreservat, Offerdalsfjällen, Gubbdalens Naturreservat. Ich war sehr gespannt!
Problem an der Sache? Es liegen auf gut 200 km Strecke, die großteils weglos zu bewältigen sind, keine Einkaufsmöglichkeiten. Man könnte sich an vereinzelte Stellen Pakete schicken. Teuer. Und mit Planung verbunden, und man ist nicht mehr flexibel. Usw usw usw. Pakete schicken ist einfach nicht mein Stil. Und so war von Anfang an meine Ausrüstung so geplant, dass ich eben für gut 10-11 Tage autark unterwegs sein kann, wenn ich muss. Heißt, ein größerer Rucksack, die größere Powerbank und nicht alles auf Kante kalkuliert.
Und so stakste ich mit viel zu schwerem Rucksack von Storvallen aus los. Die Sonne brannte, es war warm und dann ging es auch schon steil bergauf. Bald verlor sich der Weg und dann auch schon die Markierung. Erster Meilenstein ist ein skurriler Ort namens Rensjösätern. Eine Art altes Jagdschloss. In rosa! So steht es da, einsam, mitten in der Landschaft. Kein Weg, keine Strasse führt dorthin. Weit und breit nichts, nur ein See. Der Weg dahin führte mich durch zahlreiche Sümpfe, die ich mal besser und mal schlechter umgangen habe. Man fühlt sich ja magisch angezogen vom Anblick des Anwesens. Und so ist es schwer der Versuchung zu widerstehen und Höhe zu behalten anstatt runter zum See zu gleiten. Dort angekommen habe ich mir eine kleine Pause gegönnt, hörte in der Ferne aber schon die ersten Donner. Irgendwie wurde es mir irgendwann auch mulmig, denn so ganz sicher war ich mir nicht, dass da nicht doch irgendwo irgendwer ist in einem der Gebäude. Hier spuckt es sicher!

Weit gekommen bin ich nicht mehr. Ich hatte den ganzen Tag schon Probleme Wasser zu finden. Alle Bäche, die auf der Karte eingezeichnet waren, waren eingetrocknet. Eine beknackte Situation. Man starrt den ganzen Tag auf einen riesigen See und hat aber Durst und nix zu trinken. Langsam aber sicher kam das Gewitter immer näher, ich war mir nur nicht sicher, aus welcher Richtung es eigentlich kommt. Irgendwie blitzte und donnerte es ringsum. Nur Wasser, Wasser gab es nirgends. Irgendwann bin ich dann doch noch über ein kleine Pfütze gestolpert, sofort das Zelt aufgeschlagen und kaum war ich drin, hat es auch schon angefangen zu regnen. Geschlafen hab ich nicht gut, weil das Gewitter wirklich Stunden anhielt und es irgendwie um mich herum zu kreisen schien.

Der nächste Tag verlief eher unspektakulär. Man folgt im Grunde den Markierungen des vinterled nach Medstugan, von dort weiter einem Feldweg zu einer schönen Hütte. Auch alles sehr, sehr schön. Fjäll gemischt mit myrmark (Sump), aber nicht zu schlimm. Man bekommt nasse Füsse aber man kommt ganz gut voran. An der Norra Jaktstugan habe ich überlegt, ob ich es nicht gut sein lasse für heute, bin dann aber doch noch weiter Richtung Storrensjön und hab oben, direkt oberhalb der Siedlung mein Zelt aufgeschlagen. Ein phantastischer Blick über den See und das gesamte Gebiet.

Am nächsten Tag sah es so aus, als würde es sehr nass werden. Aber so war es nicht. Eine ganz und gar zauberhafte Wanderung. Irgendwann stößt man aber auf ein recht zerklüftetes Tal mit einem tiefen Bach. Das war nicht so ganz einfach, da runter und durch zu kommen. Man kommt zu einem Damm und von dort kann man einem Geländefahrzeugspur folgen. Ich dachte eigentlich, das würde dann ja easy sein und ich würde es locker noch bis Anjan schaffen. War dann aber nicht so. Gerade diese Spur war total versumpft und überschwemmt. Man kam kaum voran. Dabei hatte ich mich aber doch schon so sehr auf ein Essen in der Anjan fjällstation gefreut. Ich hab dann einfach die Zähne zusammengebissen und bin durch. Knapp 35 km. War so gegen 18 Uhr dort. Da waren die schon am Zumachen! Der Wirt (schon weit über 80) hatte aber scheinbar Mitleid mit mir und ich habe noch ein Essen bekomme. Auch ein Zimmerchen hatten sie noch für mich. Die alten Gebäude versprühen einen Charm, wie ich ihn aus alten Bauernhäusern im Bayrischen Wald kenne. Luxus sucht man hier vergebens. Ich hab aber auch gar nicht gesucht. Dafür gab es ein super Frühstück. Ich habe noch einen Amerikaner und einen Deutschen kennengelernt, die auch beide auf dem GB unterwegs waren.

Der Amerikaner hat mich überredet anstatt eines zero doch einfach einen kurzen Tag zu machen. Er musste aber nach Östersund, weil sein Handy im Arsch war. So sagten wir goodbye dort wo der markierte Weg von der Strasse aus ins Skäckerfjäll startet und ich tapperte gemütlich gen Berg. Ich ging dann wirklich nur über den ersten Pass (sehr schön!!!) bis zu den dahinterliegenden Tümpeln, schlug mein Zelt auf und ging baden. Trocknete mich in der Abendsonne, nackt, weil ich dachte, hier kommt heute eh niemand mehr vorbei. Dann fiel mir aber ein, ich hab noch gar kein Foto gemacht von meinem Zelt und der schönen Kulisse, und gerade als ich fertig bin, sehe ich, wie jemand auf dem markierten Weg, vielleicht 50m entfernt, an mir vorbeispaziert. Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken.

Vor mir lag nun eine lange Strecke ohne Markierung und Pfaden. Das „Herz“ meines GB, das warum es mir eigentlich ging. Am nächsten Morgen verlasse ich den markierten Weg und ziehe Richtung Norden über einen Pass an dessen Fuße ich gezeltet habe. Wunderschön! Nicht zuletzt dank bestem Wetter. Die Aussicht von oben: grandios auf beiden Seiten! Weiter nordwärts geht es runter in ein querendes Tal, welchem ich westwärts folge. Ich kann mich dem Gefühl nicht erwehren, dass es hier fast wie in der US amerikanischen Sierra aussieht. Die grüne Landschaft gesprenkelt von einzelnen Nadelbäumen, die manchmal in kleineren Gruppen, zumeist aber allein die Weite auflockern. Ich suche vergebens nach Bären. Irgendwann ist es an der Zeit, den Fluss des Tals zu queren. Es ist wie im Buch beschrieben, tief aber praktisch keine Strömung. Das Wasser reicht mir bis zum Arsch. Der Weg hoch über den nächsten Pass ist beschwerlicher als gedacht, und als es dann wieder bergab geht, schwant mir, dass es heute noch recht anstrengend werden würde: dichtes Gebüsch und Birkenwäldchen. Man sieht nicht, wo man hin muss und wie weit es noch ist. Das drückt aufs Gemüt. Ich kämpfe mich voran, hoffend, dass die Richtung schon so ungefähr stimmen möge. Ich sehe, dass es weiter unten, auf der anderen Seite des nächsten querenden Talgangs wohl deutlich einfacher wäre. Das wären aber auch gut 1-2 Kilometer bis dort, ein Umweg. Also weiter durchs Dickicht! „The grass is always greener on the other side“, denke ich mir. Nach und nach entdecke ich immer größere Teilstücke ohne Bäumchen und so komme ich doch irgendwie voran. Je näher ich dem Fluss im Tal komme, desto einfacher wird es. Nach ein paar Stunden ist es wieder die Art von fjällvandring über die man sich freut und weswegen man hier ist. Will es heute eigentlich, der norwegischen Grenze folgend, unbedingt bis zum Gaunan schaffen. Ein Fluss, der schwer zu queren sein kann. Ich will wissen, wie schlimm es sein wird. Im Buch steht was von „Schwimmen“. Was der Grund ist, weswegen alle, mit denen ich gesprochen habe, auf diese Route verzichtet haben.

Zuerst muss ich aber an einer kleinen Samisiedlung bei einem See vorbei. Weder See noch Siedlung sind zu sehen. Ich prüfe wieder und wieder die Karte. Ohne GPS wäre ich wohl wieder einmal verzweifelt. Schon allein weil der Blick auf die Karte aussieht, als bewege man sich am Rande der Welt. Erst als ich nur noch ein paar hundert Meter entfernt bin, tauchen See und Häuschen auf. Es gilt einen weiteren Fluss zu queren. Auf der Karte ist eine Brücke eingezeichnet, also versuche ich es dort. Von der Brücke sind aber nur noch Trümmer übrig. Der Fluss gleicht aber ohnehin mehr einem Rinnsal. Glück gehabt! Ich passiere das Dörfchen, ein Hubschrauber nähert sich, dreht eine Runde über den See und dreht wieder ab. Komisch! Der Weg durchs „Dorf“ gestaltet sich schwieriger als gedacht. Jörgen Johansson erwähnt, dass man sehr gut auch einfach geradeaus weiter den Talgängen folgen kann. Das sieht mir aber ungemütlich sumpfig aus und so schimpfe ich mich durch Morast auf ATV-Spuren den Berg hoch, vorbei an den Häuschen. Dafür, dass ich langsam eigentlich gern Feierabend machen möchte, komme ich ganz schön ins Schwitzen und Schnaufen. Oben am Kamm folge ich weiterhin der Geländefahrzeugspur. Laut Buch soll sie schwer zu folgen sein. Fand ich überhaupt nicht. Und so folge ich ihr den ganzen Weg bis hinunter an die Ufer des Torrön. Der letzte Abschnitt war dann doch mehr Wasser als Land. Jetzt gilt es, ein trockenes Plätzchen zum Zelten zu finden. Der Platz, den ich mir auf der Karte ausgemalt hatte, direkt am Ufer des Sees, war schon mal ein ziemlicher Reinfall. Zu windig war es dort ausserdem. So stochere ich eine weitere halbe Stunde durch den Wald. Finde schließlich die kleine Hütte, die auch im Buch beschrieben steht. Will aber dort auch nicht bleiben. Gehe ein kleines Stückchen weiter und finde eine wunderschöne Badestelle in einer kleinen Buch, direkt an der Mündung des Gaunans und wie es der Zufall will, auch eine perfekte Zeltstelle mit einem kleinen Feuerring. Auf das Feuer verzichte ich angesichts der Trockenheit, es hat seit Wochen nicht mehr richtig geregnet. Aber das Bad ist herrlich. Ich wasche all meine Klamotten und hänge sie zum Trocknen auf. Mücken und anderes Ungetier gibt es wider Erwarten auch nicht. Einer der schönsten Zeltplätze meiner gesamten Tour. Nicht zuletzt weil es hier Schatten gibt. Schatten!
