Mach ich, versprochen! Danke fürs Lob!
Gröna Bandet 2025
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2. Abschnitt Storlien - Gäddede, 3. Teil
Ich wache mit einem unguten Gefühl auf. Mir ist leicht schwindelig. Der Magen rumpelt. Geschlafen habe ich gar nicht gut. Es war viel zu warm. Und die Insekten! Ich erinnere mich, wie ich mal nachts zum Pullern raus bin und dabei dann mit der Hand zwischen Innen- und Aussenzelt gefasst habe. Ich konnte diese Mischung aus Fliegen, Mücken und Bremsen regelrecht herauslöffeln. Ganz schön widerlich! Zum Glück war ich im Halbschlaf. Letztlich habe ich mit Ohrstöpsel schlafen müssen. Ich hasse das, aber es ging einfach nicht anders. Alles aber erstmal nachrangig, mein Magen ist flau, ich fühle mich, als stünde ich neben mir. Und ich muss dringend wohin … „na toll, Durchfall!“. Schnell merke ich, dass es damit aber nicht getan ist. Ich bin wacklig auf den Beinen und krieg das Frühstück kaum runter. „Ausgerechnet!“ - wo doch der vermutlich spannendste und schönste Teil vor mir liegt.
Ich beschließe, dass ich es heute langsam angehen werde. Dummer Beschluss eigentlich, wenn man gar keine andere Wahl hat. Vielleicht hätte ich mir an dieser Stelle auch Gedanken machen sollen, wie ich hier am schnellsten zurück in die Zivilisation komme, sollte sich mein blinder Optimismus als fehlgeleitet erweisen. Tat ich aber nicht. „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ Und so stakse ich los, immer weiter gen Osten (wie ihr seht, ich hab gar nix gegen den Osten). Auf in ein fjäll, das Johansson als „nedbryten“ (zersetzt, verfallen, erodiert) bezeichnet. Berge, an denen der Zahn der Zeit genagt hat. Ich verstehe ziemlich schnell, was er damit meint. Es ist wunderschön, so richtig genießen kann ich es aber leider nicht. Das Gehen ist mühsam. Ich versuche so gut wie möglich die kürzeste Strecke zu wählen. Nicht so einfach, denn es liegen wirklich überall Trümmer in Form gigantischer Blöcke rum. Dazwischen Seen und große „hällar“ (Felsen). Auch will ich wieder möglichst auf GPS und Smartphone verzichten, hier im offenen fjäll ist auch eine 1:100.000 Karte gut genug. Fast. Ich erlaube mir, hin und wieder meine Position elektronisch zu kontrollieren, denn Umwege wollte ich in meinem Zustand heute ganz sicher keine laufen. Ich versuche so gut wie möglich unnötiges Rauf und Runter zu vermeiden. Wenn ich es heute bis Tjovre schaffen würde, wäre das mehr als ausreichend, beschließe ich in meiner überschwänglichen Großzügigkeit. Ich passiere den Ohtje Tjalnge an seiner Südflanke. Beeindruckend! Es geht durch eine Depression, die ich so gut es geht vermeide, in dem ich mich nördlich halte. Blick auf Richtung Kyrkan (die Kirche). Eines ist für mich klar: hier muss ich nochmal herkommen! Ich halte mich weiterhin auf der Südflanke der Berge. Da ich aber nicht unnötig aufwärts steigen wollte, drehe ich Richtung Långtjärn ab, in der Hoffnung auf dessen Nordseite den „Pass“ zwischen Majkstjahke und Riepetjahke/Njaarke zu erreichen. Tatsächlich wurde das Ufer teilweise ziemlich steil und ich hatte schon Angst, eine ziemlich folgenschwere Fehlentscheidung getroffen zu haben. Es zog sich und zog sich, aber letztlich ging es dann doch.
Der Blick hinunter vom Pass Richtung Osten war grandios. Aber damit war auch das Sösjöfjäll praktisch schon wieder hinter mir. Jetzt brauchte ich an sich nur dem Fisklösån (fischloser Fluss, ziemlich sicher eine false flag operation - wie mir M später beipflichten wird. Sie verkauft Fischereikarten u.a. für einen fisklössjö) bis nach Tjovre folgen. Ganz so trivial war es dann nicht, aber Details erspare ich euch an dieser Stelle. Je näher ich komme, desto dichter der Wald, desto anstrengender wird es. Irgendwann spuckt mich das Dickicht dann aber doch direkt an einer kleinen Hütte aus. Offensichtlich ist niemand da, aber sie scheint noch in regelmäßiger Benutzung zu sein. Ich mache eine kurze Pause, obwohl ich eigentlich nicht vorhabe heute noch viel weiter zu gehen, 15km sind besser als nix! Irritiert bemerke ich, wie vor der Hütte ein Scheisshäuschen direkt am Hang so steht, dass man praktisch den Hang runter in den Bach scheisst. Wer macht denn sowas?
Ich scheine am nördlichen Ende der kleinen Samisiedlung rausgekommen zu sein. Direkt da wo zwei Brücken dem markierten Weg über den Fluss helfen. Den auf der Karte eingezeichneten Pfad habe ich aber nicht gefunden. Und so fürchte ich fast, dass es es mit dem markierten Weg auch nicht weit her ist, nachdem ich erstmal über einen Sumpf muss. Tatsächlich ist der Pfad dann aber sehr deutlich und gut eingetrampelt. Eine Wohltat! Ich quere die Brücke und stehe vor einem wirklich bezauberndem Wäldchen. Ich mag die Stimmung und beschließe, dass ich hier zelten will. Die Zeltplatzsuche zieht sich und letztlich gehe ich ein paar hundert Meter zurück zu einer Lichtung, die zwar nicht am Wasser, aber gut geschützt und vor allem einigermaßen insektenfrei einen geruhsamen Schlaf verspricht. Ich gehe runter an den Fluss um zu Baden, bekomme aber das Bild von dem Scheißhaus oben am Bach nicht aus dem Kopf.
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Hahahahaha, „vorwärts immer, rückwärts nimmer!“
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Wie auch die vorherigen Teile, sehr schön geschrieben!
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Abschnitt 2: Storlien - Gäddede, Teil 4
Tatsächlich hatte ich eine recht geruhsame Nacht, wohl beschützt von alten, knorrigen Bäumen. Echter Naturwald, wie ich ihn so liebe, das Svenskådalen Naturreservat. Erstmal würde ich heute einfach dem markierten Weg folgen. Schnell wird mir aber klar, dass es hier - wie so oft - wieder mal nur ein vinterled ist, der auf der Karte auch als Sommerweg eingezeichnet ist, weil er halt nicht gerade stracks über Seen führt. Nach einem kurzen Anstieg durch den Wald verliert sich dessen Spur rasch. Ich schaffe es sogar die roten Kreuze zu verlieren (Glanzleistung!). Die sind nämlich auch schon nicht mehr die jüngsten und teilweise einfach verrottet oder umgefallen. Ein paar Kilometer weiter geht es dann runter Richtung Seensystem und spätestens da ist wirklich nicht mehr viel übrig von einem Pfad. Sumpf, Sumpf, Sumpf. Irgendwann hab ich die Nase voll davon sinnlos der Markierung hinterher zu stapfen und quere einfach rüber zur gut ausgebauten Schotterstraße. Auf der geht es bis zum Staudamm, dann weiter am Seeufer entlang bis zu einem kleinen Häuschen. Dieser Abschnitt ist teilweise recht mühsam, das Häuschen habe ich auch nicht zu Gesicht bekommen. Vielleicht habe ich hier auch einfach die falsche Route gewählt. In Gedanken bin ich ohnehin nur bei dem doch recht steilen und langen Anstieg hoch ins Offerdalsfäll.
Es geht mir heute schon deutlich besser. Was für ein Glück! Aber so richtig auf dem Damm bin ich dann nun auch noch nicht. Würde ich das überhaupt schaffen? Mein Wanderbuch glänzt hier mal wieder durch vage Beschreibungen und Kargheit. Der Plan war, möglichst direkt aufzusteigen bis auf etwas 800m, dort dann den Bach ohne Namen zu queren und dann Richtung Norden abzudrehen und dabei die Höhe so gut es geht irgendwie zu halten. Ich bin dann zwar vielleicht nicht exakt der Route gefolgt, die ich mir auf der Karte eingezeichnet habe, aber im großen und ganzen ging der Plan schon auf. Vielleicht ist das Buch an der Stelle auch deshalb so kurzatmig, weil man eh nicht viel falsch machen kann? Sobald ich über der Baumgrenze bin, ist der Anstieg auch nur noch halb so wild. Den Luspiejohke zu queren war auch kein großes Problem. Nach einer guten Weile bin ich bei einer Handvoll Seen knapp unter 850m südöstlich des Mehkene angelangt. Von hier aus hätte man jetzt auch direkt ostwärts Richtung Åbervattnet gekonnt - es sieht verlockend aus -, aber das Buch empfiehlt eine andere Route. Und wer will schon so einfach Autoritäten widersprechen ohne guten Grund?
Von hier aus geht es recht gemütlich bergan Richtung Nordost. Ich folge einem Bach immer weiter Richtung Mehkene. Ich muss mich entscheiden, geplant war eigentlich eher mehr östlich, bis auf so 1000m den Mehkene zu umrunden, aber von meiner Position aus sieht es aus, als wäre da ein passabler Pass (haha) auf so ca 1050m und ich würde mir 1-2 km sparen. Also nix wie auf! Dort oben ist es erwartungsgemäß sehr karg, nur graues Geröll soweit das Auge reicht. Wie es wohl auf der anderen Seite aussieht?
Ich seh zu, dass ich hier wegkomme, denn dank eines frischen Windes ist es hier nicht sonderlich gemütlich. Hier liegt noch Schnee rum. Dann aber öffnet sich der Blick Richtung Norden. Unglaublich! Ja, wegen sowas bin ich hier. Eine wundervolle Landschaft. Rau, menschenleer, Seen, Berge, Steine. Weite. Hm. Das sieht irgendwie alles noch verdammt weit aus, wo bin ich hier eigentlich? Ich bleibe bei meinem üblichen Ansatz: Höhe behalten, runter ins Gemüse kann ich zur Not ja immer noch. Das geht auch über eine ganze Weile ziemlich gut. Easy hiking. Dann wird es an einer kleinen Schlucht aber doch etwas steiler, ich muss ein kurzes Stück absteigen, trete auf einen hervorragenden Stein. Dieses kleine Verräterschwein rutscht aber einfach ab und ich falle hinterher. Irgendwie schaffe ich es mit dem rechten Knie voran aufzuschlagen. Aua! „So schnell kann es gehen“, denke ich mir. Das Knie schmerzt, ich kann kaum auftreten. Muss mich erstmal hinsetzen. Einen echten Notfall könnte man hier nicht gebrauchen. Steiles Gelände, Steine und Geröll soweit das Auge reicht. Der Schmerz lässt aber schnell nach und ich muss mir keine weiteren Gedanken machen. Schon bald kann ich wieder ganz normal laufen.
Irgendwann geht es auf dem Berghang nicht mehr weiter und ich muss notgedrungen bis an das Ufer der Seen absteigen. Dort wird es nicht unerwartet schwieriger voranzukommen, aber im Großen und Ganzen komme ich immer noch gut voran. Wie im Buch empfohlen folge ich der Südseite der großen Seen. Gegen Abend bin ich an einem System kleinerer Tümpel westlich des Plyöjhkere und beschließe fünfe grade sein zu lassen und mein Zeltchen aufzuschlagen. Eigentlich wollte ich es bis runter ins Grubbdalen schaffen. Aber ob man dort überhaupt gut zelten würde können? Das kalfjäll hat es mir ja etwas verleidet, aber ich wollte noch Zeit zum Baden haben, hier war eine schöne Stelle und zu viel Wind war es auch nicht.
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