Saß gerade beim Tippen im Flugzeug. Krass, wie viel ich in 2 Stunden verpasst habe...
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Auch ich gehöre fast überall auf der Welt zu den Privilegierten (Cis-Mann, Weiß, deutscher Pass, mehrsprachig, Christ, körperlich weitgehend fit, nicht mehr "jung" und auch nicht "alt" ...). Ich muss mir auf jeden Fall ziemlich wenig Bullshit über mich anhören.
Auf meiner letztjährigen CDT-Wanderung habe ich viel darüber nachdenken können, was das für eine Freiheit bedeutet, das zu machen zu können - und wie viel Mut eine für mich völlig unproblematische Situation anderen Menschen abverlangen muss.
Ich bin viele Meilen mit jemandem mit Bart und einem Ananas-bedruckten Kleidchen gelaufen. Habe jemanden mit "Make America Gay Again" Cappie getroffen. Habe einige wenige PoC-Hiker getroffen.
Ich kann mir nicht annähernd vorstellen, wie die sich gefühlt haben müssen auf Hitches in Trump-Country und in den erzkonservativen Kleinstädten des Westens. Ich konnte selbst bei dem schlimmsten Hitch noch darüber reden, wie schön die Landschaft ist und war damit anschlussfähig. Das war bei zwei Besoffenen in einem alten SUV in Montana, die mir stolz ihre Hakenkreuz-Tattoos gezeigt haben, als ich gesagt hab, dass ich aus Deutschland komme. Oder die krasse, herzliche (christliche? Western Settler?) Hilfsbereitschaft von den Leuten in dem Laden in Leadore, Idaho. Hinter dem Ladentisch waren lauter "lustige" Schilder über MAGA und Waffenbesitz und die Rolle von Frauen im Haushalt. Waren die auch zu meinen Mitwandernden so freundlich?
Mein Weg hat immer wieder den von zwei Frauen gekreuzt, die on-Trail von anderen Hikern sexualisierte Gewalt und Stalking erfahren haben. Die haben ihre Alternates nach anderen Gesichtspunkten wählen müssen als ich.
Scheiße, das macht mich traurig und wütend. Meine völlig naive "Auf-dem-Trail-wollen-wir-ja-alle-das-Selbe-Annahme" hat Schiffbruch erlitten. Ich war auch kurz angepisst, dass meine heile Welt in Scherben geht und ich mich jetzt auch bei meinem so mühsam erarbeiteten Sabbatical wieder um so einen anstrengenden Mist kümmern muss. "Ich will doch einfach nur in der Natur wandern!" Habe dann aber auch schnell gemerkt, dass meine Angepisstheit vor Allem den Betroffenen schadet weil ich durch Nichtstun und Schweigen dabei helfe, den Raum für den nächsten Übergriff zu öffnen.
Und es lässt mich fragen, was meine Verantwortung ist, zumindest auf den Trails, wo sich Hiker auch als Teil einer Community verstehen. Das ist ein Feld, auf dem sich sicher noch einiges machen lässt. Klar steht da wohl am Anfang die Herausforderung, sensibel, kritisch und freundlich - oder zumindest kein Arschloch - zu sein, um den weniger Privilegierten die Möglichkeit zu bieten, irgendwie an meinen Privilegien teilzuhaben. Z.B. zusammen ein Stück gehen, wo ein Stalker möglicherweise auftauchen könnte - trotz unterschiedlicher Pace. Oder gemeinsam Hitchen für Sicherheit - obwohl das meist schwieriger ist. Und (am schwierigsten): dabei nicht Gönnerhaft rüberkommen.
Es gibt aber auch Möglichkeiten für kollektives Handeln. Da sehe ich besonders die Internet-Orte (beim CDT FarOut, Facebook- und Reddit-Gruppe) als wichtig. Eine der Betroffenen Personen vom Stalking hat versucht, über FarOut-Kommentare rauszubekommen, wo der Stalker ist, um bessere Entscheidungen über ihre Route treffen zu können und ihm nicht in die Arme zu laufen. Statt Solidarität und hilfreichen Kommentaren, wollten einige Leute da erstmal so eine Art Online-Gerichtsverfahren mit Beweisen uns sowas. Offensichtlich jede Menge Leute ohne das geringste Verständnis von Trauma und Retraumatisierung. Vielleicht könnten wir in diesem Forum mal überlegen, was in so einem Fall eigentlich ein gutes Vorgehen wäre und was nicht hilfreich ist. Dann gäbe eine Blaupause für Andere (ich denke da auch an HexaTrek und NST und so) und auf jeden Fall schon mal mehr Leute auf den Trails, die sich damit schon mal beschäftigt haben, bevor sie aus Unwissen retraumatisierende Kommentare posten.
Die oben zitierte Umfrage von Halfwayanywhere finde ich deshalb so gut, weil sie der Problematik zumindest teilweise erstmal Sichtbarkeit verleiht.
Ein anderes - für mich - wichtiges Thema betrifft uns als Touristen allgemein. Welche Message senden wir mit unserem Trip - auch ungewollt? Klar unterstützen wir auf Touren meistens vor Allem lokale Geschäfte in entlegenen Regionen. Aber ist es OK, den Lykischen Weg in der Türkei Erdogans zu wandern? Oder in den USA unter Trump? Oder den EB durch Orbans Ungarn? Ungarn find ich gerade ein ganz gutes Beispiel: wenn queere Leute da gerade nicht (easy) hingehen können weil die Gefahr von Übergriffen krass hoch ist, kann ich das dann guten Gewissens machen? Macht mir auf jeden Fall ein blödes Bauchgefühl. Was denkt ihr? Gibts für Entscheidungen hilfreiche Erfahrungen oder Haltungen?