Harris & Lewis: Teil 1 - die Wanderung
Ich hatte zwar noch ausreichend (Sabattical)-Zeit, aber so langsam wurde es eng im Zeitplan, wenn ich nach den Hebriden noch auf Skye wollte. Also übersprang ich den südlichen Teil von Harris sobald die Fähren wieder fuhren. Harris und Lewis sind eigentlich eine Landmasse, werden aber aber als zwei Inseln geführt. Die Trennung verläuft auch nicht an der Engstelle in Tarbert, wo eine schmale Landbrücke das Vorhandensein von zwei Inseln suggeriert, sondern eher random auf der größeren „Insel“, entlang eines Bachs? ![]()
Am Fähranleger in Berneray gibt es einen Stehle, die die Hälfte des Hebridean Ways markiert.
Ich lieeeebe Bootsfahrten! ![]()
Ankunft in Leverburgh. Die Überfahrt war teilweise recht wild. Das Schiff kippte munter noch oben, unten, rechts, links. Glücklicherweise macht mir das nichts aus.
Vom Fähranleger spazierte ich durch den Ort zum Supermarkt. Und wartete dann auf den Bus. Da diese Fährverbindung tidenabhängig ist, stimmt der Busfahrplan nicht immer mit dem Fährfahrplan überein.
Man kann sich von den Bussen übrigens auch zwischen den Haltestellen absetzen lassen. Ich zeigte dem Busfahrer auf der Karte, dass ich an dem Abzweig zur Coffin Route abgesetzt werden möchte. Kein Problem!
Coffin Route? Eine grausame Periode in Schottland sind die Clearances. Eine Zeit, in der die Grundbesitzer die Bauern von der fruchtbaren Westküste zur kargen Ostküste vertrieben haben. Damit sie mehr Schafe züchten können, denn Schafe brachten mehr Geld ein, als die Landwirtschaft der Bauern. Nur der Friedhof war noch an der Westküste, deswegen gibt es Coffin Routes über das Gebirge, damit zumindest die Toten in der Heimat bestattet werden konnten.
Apropos Clearances, der Busfahrer hat mir da etwas erzählt:
Der Busfahrer erkannte bei mir einen kanadischen Akzent (was auch prinzipiell stimmt, dort habe ich maßgeblich Englisch gelernt, aber ich würde sagen, dass der inzwischen nicht mehr ausgeprägt ist und das denglische überwiegt). Er hat nämlich Verwandtschaft in Kanada. Lustigerweise im Nachbarort von meinem damaligen Wohnort. Beide Orte liegen im sehr spärlich besiedelten Norden Ontarios, das ist also schon sehr zufällig. Es wird jedoch noch zufälliger: Der Busfahrer war nur einmal in seinem Leben von den Inseln herunter, für eine Beerdigung in Edinburgh. Dort wartete er auf den Zug und kam mit einem kanadischen Geschäftsreisenden ins Gespräch. Der fragte ihn nach den Inseln aus, weil seine Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts von Harris emigriert sind. Der Busfahrer lud den Kanadier ein ihn zu besuchen. Das klappte auch ein paar Jahre später. Währenddessen begab sich der Kanadier auf Ahnensuche und sie fanden heraus, dass sie direkt miteinander verwandt sind. Ihre (Ur-?)Großväter sind Brüder, die sich nach der Emigration aus dem Blick verloren haben. Ohne die Beerdigung in Edinburgh hätten sich die beiden nie gefunden. Er sagt, sie telefonieren jede Woche miteinander weil sie sich so eng wie Brüder fühlen. ![]()
Das sind übrigens die letzten Sandstrände auf dem Hebridean Way. Der Wanderweg führt rechts oberhalb der Straße entlang einer Bergflanke. In der Bucht links ist ein Campingplatz. Bei etwas zahmeren Wetter sicherlich ein Traum zum Übernachten.
Von Seilebost folge ich der Coffin Route nach Grosbay. Dort wartet ein Caravan auf mich für die nächsten zwei Nächte. Nach den Strandetappen ist das für mich die schönste Etappe.
So sieht es auf der anderen Seite des Übergangs aus. Der Trail geht hinter in Richtung See und steigt danach wieder an und quert die Berge im Hintergrund.
Rückblick auf See und Übergang.
Ruinen aus den Zeiten der Clearances sind überall entlang des Weges zu finden.
Die Ostküste ist erreicht und der Weg dreht ab nach Norden.
Auf einmal wurde der Weg weich wie ein Teppich. Warum sind nicht alle Wanderwege so fußfreundlich? ![]()
Erst in den 1930er Jahren wurde eine Straße entlang der Ostküste gebaut. Der Weg auf dem ich heute wandere war der Hauptverbindungsweg bis dahin.
Ich möchte tagelang durch diese Landschaft streifen.
Doch die Bequemlichkeit siegt und hier wartet ein Caravan auf mich.
Rechts im Regal liegen die nutzlosesten Gegenstände auf meiner Hebriden Tour: Zelt & Thermarest ![]()
Am folgenden Tag wandere ich nach Tarbert und fahre wieder mit dem Bus zurück. Nach der hügeligen Etappe am Vortag ist das eine richtig schön erholsame Wanderung.
Auch die Schafe suchen Schutz vor dem Wind.
Robben durch mein UL-Teleobjektiv fotografiert (mein Monokular).
Jeder Regen, der so hübsch fotogen aussieht wird dich früher oder später treffen.
Der Hafen in Tabert. Ich kaufe mir etwas fürs Abendessen ein und mache eine recht ausgiebige Pause auf einer windgeschützten Bank in der Sonne. Dabei werden trail stories ausgetauscht mit zwei Bikepackern aus London.
Sie schauen harmlos aus, aber haben mich mit ihrem Geblöke die ganze Nacht wach gehalten.
Auf den nächsten drei Etappen bleibt man im Landesinnern von Lewis bis zur Ankunft am Zielort Stornoway. Mir geht es an heute Morgen gar nicht gut. Aufgewacht mit Kopfschmerzen, die Beine schwer wie Blei. Doch erst einmal geht es mit dem Bus nach Tarbert, die Etappe vom Vortag ist schnell abgefahren. Im Bus möchte jemand von mir wissen, ob Schwarzwälder Kirschtorte so gut schmeckt, wie sie aussieht. Er hätte da ein YouTube Video gesehen. Da fragt er genau die richtige Person, die kein Gluten verträgt, laktoseintolerant ist und Alkohol meidet.
Natürlich bestätige ich ihm, dass das die beste Torte der Welt ist!
Wusstet ihr, dass die zotteligen Highland-Kühe in Schottland als Coos bezeichnet werden (ausgesprochen wie Kuh)? Und dass es auf den Hebriden eine eigene Rinderzuchtlinie gibt, die kurzhaarig und eher klein und kompakt ist?
So sieht das aus mit den einspurigen Strassen und Wohnmobilen. Oftmals gibt es keinen Strassenrand auf denen man ausweichen kann. Häufig ist da entweder ein kniehoher Rand oder ein knietiefer Graben ...
Endlich wieder Trail unter den Füßen.
Rückblick. Die Route führt den See entlang.
Das Wetter wird stündlich greisliger. Irgendwann schüttet es durchgehend. Der Wind hält sich nicht an die Abmachung und kommt auf einmal von vorne, von Norden. Regen waagrecht von vorne ist als Brillenträger nur so semi-lustig. Und dann fühle ich mich so unfit. Ich schwitze und friere abwechselnd. Mein Puls ist deutlich erhöht. Ich komme kaum voran. Der Hals schwillt zu, starke Schmerzen beim schlucken. Nirgendwo ein Platz für eine Pause. Nur Wind und strömender Regen. Irgendwann kauere ich mich einfach auf dem Boden hinter meinen Rucksack, versuche ein paar Schluck zu trinken und suhle mich im Selbstmitleid. Ich raffe mich auf, ich muss aus diesem zugigen Hochtal heraus. Ich stapfe Schritt für Schritt mit Blick auf den Boden fixiert durch knöcheltiefen Morast. Immerhin ist es nicht boggy, sondern unter dem Morast relativ fest. Aus den Regenschwaden taucht ein Bushäuserl auf. Ein Bushäuserl? Wo kommt das jetzt her und existiert es wirklich?
Genau an der Stelle wo der Trail die Hauptverkehrsader gen Süden überquert (das entspricht einer einspurige Landstraße niederer Ordnung in DE) gibt es ein Bushäuserl, so mit Dach und Wänden. Ganz ungewohnt für die Hebriden. Man merkt wohl die Nähe zum Hauptort? Die Schafe mögen den Unterschlupf übrigens auch zum Scheißen gern.
Ein Hoch auf mein Stück Tyvek um meinen Rucksack abzustellen. Erst einmal raus aus den nassgeschwitzten Sachen. Die warmen, trockenen Schlafsachen an. Damit ist eigentlich der weitere Lauf der Dinge besiegelt, ich realisiere dass nur noch nicht in meinem Fieberdunst. Tee gekocht für die Nalgene. Nudelsuppe gekocht und mir rein gezwungen. Einen Zustand erzielt, in dem ich wieder Entscheidungen treffen kann. Fährt hier überhaupt ein Bus? Ja, in einer Stunde nach Stornoway.
Blick aus dem Bushäuserl.
In Stornoway ist ein Bett im Hotel zu haben. Leider nur eine Nacht. Aber egal. Der Bus erscheint. Es ist ein neuer hochmoderner Mercedes Reisebus. Kurz bin ich mir nicht sicher, ob das ein Fiebertraum ist. Die bisherigen Busse waren so 9-Sitzer Minibusse. Aber vorne steht Stornoway dran. Also steige ich mit all meinen Bazillen und dem Gestank des Schafkots an meinen Sachen ein. Glücklicherweise verlieren sich nur fünf Leute im Bus. Ich hoffe, ich habe niemanden angesteckt oder mit meinem Gestank belästigt. Es ist muckelig warm. Ich könnte gerade ewig in dieser fahrenden Sauna über die Landstraßen cruisen.
Auf der Fahrt plobbt auf AirBnB eine Ferienwohnung für vier Tage auf. Ich schlage sofort zu. Dieser Infekt sieht nicht aus, als ob er sich morgen verzieht. Ich bekomme eine Bestätigung. Ich storniere das Hotel. Ich bekomme eine Absage! Sie haben einen Todesfall und können die Wohnung nicht reinigen. Ich schreibe sofort zurück, dass ich eine Unterkunft brauche egal in welchen Zustand. Der Gastgeber lässt sich drauf ein. Puuuh, was für ein Minidrama.
Und gleichzeitig mein Glück. Ich kann sofort in die Wohnung, obwohl es erst mittags ist. Der Schlüssel steckt von innen und jemand hat noch ein Paket Bettwäsche und Handtücher auf den Tisch gelegt. Ich verbringe die nächsten 24h schwitzend und schlotternd im Bett und erfreue mich erst dann an der frischen Bettwäsche. #hikertrash