Tag 6) Låddejåhkå bis Kisuris (24 km)
Am Morgen des sechsten Tages kamen wir, wie an den meisten Tagen, gegen 8.00 Uhr los. Kurioserweise gehörten wir damit zu den letzten, die aufbrachen, während wir unter den Zeltenden bisher immer die Early Birds gewesen waren. Wir starteten den Tag mit einer frischen Wetterprognose, die Regen an diesem Tag und strahlenden Sonnenschein am nächsten vorhersagte. Da es morgens noch trocken war, verzichteten wir vorerst auf die Regenkleidung und liefen los. Direkt nach der Hütte galt es erst einmal standesgemäß einen steilen Aufstieg ins Fjäll zu bewältigen. Dies war aber gar kein Problem, denn nach der Nacht in der Hütte waren wir gut erholt und der Anstieg sorgte zumindest dafür, dass wir sofort auf Betriebstemperatur kamen. Nach einer guten halben Stunde kamen wir an der Furt des Vierttjajågåsj an, der nach den Regenfällen der letzten Tage in seinem relativ schmalen Bett einiges an Wasser führte. So kam es, dass dies die tiefste Furt des gesamten Weges wurde, da mir das Wasser an einer Stelle bis kurz unters Knie reichte.
Der Aufstieg nach der Låddejåhkå
Die Furt des Vierttjajågåsj
Direkt nach der Furt zweigte zur rechten der alte Verlauf des Padjelantaleden ab, der bis zur Hütte Kisuris eine Wegersparnis von etwa 6 km versprach. Da wir aber bekanntlich weit vor unserem Zeitplan waren und ohnehin den offiziellen Weg vollständig laufen wollten (ich mag es, Ziele abzuhaken), gingen wir weiter geradeaus. Während wir also weiter aufstiegen, der Weg führte am Gipfel Loadásj vorbei, saßen plötzlich 15 Alpenschneehühner vor uns auf den Planken. Dies sollte nur der Auftakt sein, denn aus irgendwelchen Gründen scheint die halbe Alpenschneehuhnpopulation des Nationalparks an dieser Bergflanke zu leben. Jedenfalls scheuchten wir dutzende Tiere auf und es entstanden Suchbilder, auf denen die Vögel mit der Vegetation zu verschmelzen scheinen. Die Bergflanke wurde nämlich zunehmend sumpfig und von den entsprechenden Gräsern dominiert. Im Gegensatz zum bisherigen Verlauf des Padjelantaleden fehlten hier aber stellenweise die Planken, weswegen wir mehr auf unsere Schritte achten mussten. Plötzlich liefen wir in die tief hängenden Wolken hinein, die die Sichtweite doch sehr begrenzten. Dies erklärte die Frage eines entgegenkommenden Wanderers am Vorabend, “ob es Richtung Süden auch so neblig sei” (was uns leicht verwirrt hatte). Im Nebel sahen wir auch wieder einige Rentiere. Eines hatte einen komplett weißen Kopf, war aber ansonsten standardmäßig gekleidet, was ihm das Aussehen eines Schamanen aus grauer Vorzeit verlieh.
Auf und neben den Planken saßen tatsächlich 15 Alpenschneehühner
Auf in die Wolken!
Der Rentierschamane und seine Truppe
Genauso abrupt, wie wir in die Wolken eingetreten waren, kamen wir dann auf Höhe der linksseitigen Inselsiedlung Gievgessuoloj auch wieder heraus. Nun begann der Abstieg zu den drei Brücken, bei denen sich der Padjelantaleden wieder vom Nordkalottleden trennt (ab Stáloluokta verlaufen diese beiden Wege vorübergehend parallel). Nach kurzer Zeit begann es stark von rechts-hinten zu regnen. Da ich einige Meter vor meinem Bruder lief, ging ich noch etwa 50 m zu einem Stein, um meinen Rucksack beim Herausholen der Regenbekleidung nicht in der zweiten Hand halten zu müssen. Das war ein Fehler. Als ich meine Regenjacke angezogen hatte und die Regenhose herausholen wollte, war meine Wanderhose hinten schon klatschnass. Da ich zum Anziehen der Regenhose die Schuhe hätte ausziehen müssen und die nasse Wanderhose einen kompletten Hosenwechsel nötig gemacht hätte, entschied ich mich kurzerhand, die Regenhose wegzulassen. Dies tat ich in der Hoffnung, dass der Regen nach kurzer Zeit aufhören sollte. Da es jedoch etwa 20 min stark durchregnete, tropfte es zunehmend von meiner Regenjacke in den Schritt, was die gesamte Erfahrung dann doch ziemlich unangenehm werden ließ. Das nächste Mal werde ich definitiv einen Regenrock mitnehmen! Ich wechselte dennoch nicht die Hose und nachdem es aufgehört hatte, begannen die Sachen relativ zügig zu trocknen. Als wir etwa 25 Minuten später an den drei Brücken ankamen und gerade die Regensachen ausziehen wollten, fing es jedoch plötzlich wieder und ebenso heftig an zu regnen. Selbst meine Injinji-Sealskinz Kombi versagte nun in einem Schuh, vermutlich weil der Liner hervorschaute und sich vollsaugte.
Fernblick auf die Inselsiedlung Gievgessuoloj
Ankunft an den drei Brücken. Noch ist es trocken...
Jedenfalls sahen wir davon ab, die drei Brücken und die dazwischenliegenden Inseln, die schon zum Nordkalottleden gehören, zu erkunden. Eigentlich hatten wir das vorgehabt, da einige Leute am Vorabend von diesem Ort geschwärmt hatten. Ich hatte aber ohnehin schon von unserer Flussseite aus den Eindruck, dass dort viel zu viele Zelte standen. Und ich denke viele von euch sehen das ähnlich: Ich finde, wenn sich zu viele Leute auf einmal an einem überdurchschnittlich schönen Ort in der Natur aufhalten, büßt er gewaltig an Schönheit und Attraktivität ein. So gingen wir also weiter, um warm zu bleiben (ich weigerte mich nach wie vor, die Regenhose anzuziehen, wenn die Wanderhose nass war) und sahen kurz hinter den Brücken, wie eine Schar Enten (etwa 30 Tiere) plötzlich beinahe zeitgleich aus dem Fluss auftauchte, was meine Stimmung gleich verbesserte. Überhaupt hatten wir trotz des Wetters ziemlich gute Laune, da wir der Misere mit dummen Sprüchen und Flachwitzen entgegentraten. Der auf der Tour ohnehin immer anwesende Stumpfsinn erreichte so seinen Höhepunkt, während wir klatschnass durch die Gegend stapften. Zum Glück hörte der zweite Schauer schneller auf, sodass die Trocknungsphase beginnen konnte. Die nächste Zeit liefen wir über eine Hügelkette in einiger Entfernung entlang des Ufers des Vuojatädno, der sich immer wieder seeartig verbreitete. Wir hielten dabei vergeblich nach Elchen Ausschau, die es hier der Aussage einiger Wanderer nach vermehrt geben sollte. Jeden größeren Felsen im Wasser starrte ich sekundenlang an, um zu prüfen, ob er sich nicht doch bewegen wollte.
Blick auf das Tal des Vuojatädno, das einige Elche beherbergen soll
Das Wetter blieb nun einige Zeit trocken, aber sehr diesig, während es hinter uns immer noch wie in der Regenhölle aussah. So liefen wir einige Zeit in sumpfigem Terrain, bis wir ca. 3 km vor Kisuris bei erneutem Regen in ein lichtes Birkenwäldchen aufstiegen. Während nun hinter uns freundlicheres Wetter sichtbar wurde, hingen vor uns über dem letzten Abschnitt des Padjelantaleden dichte Regenschleier.
Blick zurück, wo das Wetter freundlicher wurde...
...und nach vorn, wo der Regen die Berge verbarg
Auf einem Kamm wanderten wir durch die Birken bis zur Hütte. Eigentlich hatten wir geplant, diese zu passieren und etwas später unser Lager aufzuschlagen. Da viele unserer Klamotten (inklusive der Schuhe) nun aber nass waren, entschieden wir uns für eine weitere Nacht in einer Hütte. Immerhin wollten wir am Folgetag von Kisuris aus den bereits erwähnten Abstecher in den Sarek machen: Mit der Aussicht, noch drei Tage für regulär 15 km auf dem Padjelantaleden zur Verfügung zu haben, waren die Umstände dafür perfekt, da knapp hinter der Hütte ein doch sehr ausgetretener Pfad in den Sarek hineinführt. Der Plan sah vor, maximal 10 km hineinzulaufen, dann umzudrehen und die Nacht wieder in Hüttennähe zu verbringen. So würden wir immer noch einen Tag eher als ursprünglich geplant am Ufer des Áhkajávrre mit seinem Handyempfang (den mein Bruder gern haben wollte) ankommen, ich würde aber immerhin noch einen winzigen persönlichen Eindruck des Sareks bekommen, den ich vielleicht in Zukunft mit meinem Vater durchqueren möchte.
Der Abend in der Hütte war also wieder sehr entspannend, dieses Mal war sie beinahe ausschließlich deutschsprachig. Im Prinzip saß davon abgesehen nur noch eine schwedische Studentin mit uns herum, mit der ich mich dann den ganzen Abend unterhielt, da sie ja ansonsten nichts verstanden hätte. Das Gespräch zusammengefasst: Als Forststudentin, die das halbe Jahr in Lappland verbringt, lebt sie meinen Traum…
Birkenwald kurz vor der Hütte Kisuris