Tag 2
Dieser Tag war der frühe Wendepunkt unserer Wanderung, fast nichts lief glatt.
Am Morgen lag die gefühlte Temperatur laut Inreach bei +1. Es war grau und feucht, tiefe Wolken hingen an den umliegenden Berghängen. Nahezu perfekte Bedingungen also, um nach gut 1000 m des Zurücklaufens die erste richtig knackige Furt anzugehen. Zu meiner großen Erleichterung war das zumindest an der einen Stelle möglich, die ich im Kopf hatte: Der Suottasjjåhkå floss hier ziemlich breit, die tiefste Stelle reichte bis über die Knie, andere, minimal seichtere Abschnitte der Route zeigten aber einige Strömung. Wir zogen unsere Hosen aus, wechselten die Schuhe und wateten los, zu Beginn zwei Inseln für kurze Pausen nutzend. Die Querung im bläulich-trüben Gletscherwasser, gefühlt nicht viel wärmer als die Luft, war die reine Tortur. Spätestens als ich in den langen Abschnitt nach der zweiten Insel eintauchte, waren meine Beine innerhalb kürzester Zeit schmerzhaft taub. So merkte ich auch nicht, dass ich irgendwo auf halber Strecke einen Watschuh verlor. Bei der Strömung hätte ich ihn eh nicht retten können, mehrfach verlor ich beinahe mein (von Geburt an gestörtes) Gleichgewicht.
Direkt nach der Furt durch den Suottasjjåhkå. Die Insel zur Rechten war die zweite, danach ging es erst durch den sichtbar flacheren Bereich senkrecht zur Strömung, bis wir kurz vor dem Ufer schräg gegen die Strömung zum Punkt gelaufen sind, wo der Rucksack meines Vaters steht.
Nachdem wir uns erwartungsgemäß sammeln mussten, begannen wir damit, den mächtig aufragenden Berg Niják zu umrunden. Dabei hatte ich eigentlich das Gefühl, dass wir nicht so schlecht vorankamen. Allerdings mussten wir mehrere Bäche queren, die bei normalen Pegelständen kein Problem darstellen sollten, uns jedoch aus gegebenen Gründen lange aufhielten. Dazu war der gesamte Hang ein einziger Sumpf, was uns zusätzlich verlangsamte, da mein Vater in seinen Trailrunnern tunlichst vermeiden wollte, dass es oben rein lief (seine Gamaschen waren nicht sooo gut). Ich hatte derweil zu den Sealskinz gegriffen, um die Füße trocken zu halten, wohlwissend, dass damit das Risiko drastisch steigen würde, dass sich meine Achillessehnen wieder melden würden. Trotzdem sprang auch ich meist von Horst zu Horst, was sich später rächen sollte.
Beweis für die lebendigen Rentiere...
Dort hinter dem Kamm liegt das(?) Gássaláhko. Unser Weg führte nach rechts weiter
Wäre das Bild zwei Tage vor Ende entstanden, hätte ich diesen Brummer mitgenommen ![]()
Im Versuch die Sümpfe zu umgehen, machten wir indessen den nächsten Fehler, wie sich später herausstellen sollte: Wir stiegen immer höher in den Hang, und entfernten uns beträchtlich vom GPS-Track, den ich auf Basis von Berichten, dem Reiseführer von Claes Grundsten und dem Studium von Karten und Satellitenbildern angelegt hatte. Der Knackpunkt war: entgegen jeglicher Logik war es weiter oben am Hang noch sumpfiger. Mit dem Unterschied, dass sich statt trockener Strauch- und Wiesenabschnitte stattdessen häufig Blockfelder dazwischenschalteten. Und die waren eben wegen des immer wieder einsetzenden eiskalten Regens oder gar Schnees sehr rutschig. Das stellte mich vor arge Probleme und verlangsamte uns zusätzlich.
Immer weiter hangaufwärts zog es uns, in der Hoffnung, den Sümpfen zu entkommen
Aber oben waren die Bäche reißender...
Und Sümpfe gab es immer noch reichlich..
So kämpften wir uns über die Kombination aus Sümpfen, Blockfeldern und Bächen hinweg, zumindest kamen Wind und Niederschlag aus unserem Rücken. Trotz dieser Lage schätzte ich, ohne das GPS zu checken, unseren Fortschritt an diesem Tag zu Beginn fälschlicherweise viel zu optimistisch ein. Das lag vor allem daran, dass ich im Kopf hatte, dass man zur Querung eines bestimmten Flusses (des Suottasjågåsj) weit würde absteigen müssen. Leider mussten wir einen solchen Abstieg bereits deutlich früher beim Abfluss des Sees Nijákriehppejávrásj unternehmen, wegen der Kombination der hohen Pegel und unserer hohen Hanglage. Da ich auch am Vorabend versäumt hatte, nochmal die Karten zu studieren, dämmerte mir gewaltig spät, dass wir viel weniger weit waren als gedacht und offensichtlich kaum vorankamen.
das Wetter war nicht gerade einladend (auch wenn mein Handy den Niederschlag nicht eingefangen hat)
Irgendwann überschritten wir nämlich einen Grat und die Topografie dahinter entsprach so gar nicht dem, was ich erwartet hatte: Wir liefen auf ein paar vegetationslose Hügel zu, zwischen denen sich ein reißender, etwa 10 m breiter Gebirgsfluss talabwärts schlängelte. Als ich das GPS checkte, wurde mir klar, dass wir erst jetzt am Suottasjågåsj ankamen, den man nur deutlich tiefer im Tal queren konnte. Mittlerweile hatte der Wind deutlich aufgefrischt (in Spitzen wurden laut Inreach 70 km/h erreicht) und er brachte Schneeregen-Schauer mit sich, die uns zunehmend zu durchweichen drohten.
Kurz vor dem Suottasjågåsj waren wir sehr weit oben…
Als wir nah an den Bergflanken am Flussufer ankamen, schaute ich auf die Uhr. Die vernichtende Erkenntnis: Es war 15.00, wir hatten in 8 h (ohne nenneswerte Pause) nur 10 km zurückgelegt (von denen mehr als einer am Morgen flussabwärts gewesen war, also “rückwärts”). Nie im Leben könnten wir noch den angepeilten Zeltplatz erreichen, der wegen der bisherigen Routenwahl nicht 5, sondern 8 km entfernt war und nur ganz in der Ferne erkennbar (es wäre der Fuß des Berges Sarekvárasj gewesen). Entmutigt, nass und frierend entschieden wir uns, erstmal abzusteigen, um Höhen zu erreichen, an denen der Fluss theoretisch furtbar wäre. Vor uns erstreckte sich nun tiefes Gras, das aus der Ferne wie fieser Sumpf aussah. Zu unserer Überraschung war es vollkommen trocken und ich fragte mich, ob es tiefer am Hang vielleicht aus unerfindlichen Gründen trockener sein würde als oben (Spoiler: ja!). Tiefer im Delta erkannten wir, dass in Laufrichtung jenseits des Flusses weit und breit kein windgeschützter Zeltplatz sichtbar war. Da uns sehr kalt war, entschieden wir uns deshalb, noch diesseits des Flusses leicht windgeschützt nahe des Ufers unsere Zelte aufzustellen. Im stärker werdenden Regen bauten wir auf, und als wir beide drin waren, öffneten sich die Schleusen vollends: Der Wind peitschte den Regen gegen die Zeltwände, sodass der nutzbare Raum im Zelt um einiges eingeschränkt wurde. Nass und sehr frierend (das Inreach sagte gefühlte -1) versuchte ich mich aufzuwärmen und erkannte: mit dieser Nässe und diesen Pegelständen, die sich beide merklich auf unser Tempo auswirkten, würden wir die angedachte Tour kaum schaffen, selbst mit 1,5 Puffertagen und obwohl das Wetter ab dem Folgetag langsam besser werden sollte. Die Möglichkeiten waren schnell klar: Zum einen konnten wir 15 km durch das Guhkesvágge weiterlaufen und dann aller Wahrscheinlichkeit nach den verfrühten Ausstieg über Suorva nehmen. Dabei würde sich jedoch noch ein Fluss in den Weg stellen, dessen Furtbarkeit bei den Pegeln alles andere als sicher wäre. Mit anderen Worten: keine gute Idee, wenn wir da nicht rüberkämen, hätten wir ein gewaltiges Problem. Möglichkeit 2 hieß: umdrehen, zur Hütte Gisuris wandern und von dort auf markierten Pfaden unterwegs sein. Auf keinen Fall wollte ich eher aus dem Fjäll raus. So sehr es mich schmerzte, zweiteres war die einzig vernünftige Variante.
So lag ich also im Zelt, während der starke Wind Kondens auf meinen Schlafsack regnen ließ. Alles war nass, Regenjacke, Windjacke, Regenrock, Socken, Schuhe. Selbst die Sealskinz waren durch (wenngleich Liner und Füße fast trocken waren). Zusätzlich zeigten meine Decathlon Merino-Linerhandschuhe schon an diesem zweiten Tag Auflösungserscheinungen (die waren neu!). Mein Vater hatte derweil das Gurtband seiner Gamaschen durchgerieben, hatte allerlei Kleinkram verlegt und krankte an Blasen und Nackenproblemen. Zusammengefasst: Landschaft wunderschön, Rest suboptimal.