Nacht 1
Ich wache immer wieder auf. Wind und Regen haben nachgelassen, aber ich lasse die Abside größtenteils zu, weil ich nicht weiß, ob ich vom Nieselregen rechtzeitig aufwachen würde. Mein Quilt soll trocken bleiben, doch das gelingt mir nicht gut. Alles trieft, draußen und bald auch drinnen. Ich drehe mich ständig auf eine andere Seite, und bin jedes Mal halb wach, um zu checken, ob ich die Daune nicht gegen die Wände drücke. Ich lege meinen Poncho über das Fußteil, aber er rutscht immer ab. Demnächst müsste ich mir eine Befestigung dafür überlegen, eine Art Poncho-Füßling. Eigentlich hatte ich mir noch einen Quilt aus Apex nähen wollen. Ob ich dann ruhiger geschlafen hätte?
Ich wische nachts mal das Zelt von innen ab, was nur kurzfristig hilft, und stelle mir einen Podcast an, der mich irgendwann wieder einschläfert. Morgen habe ich etwa 40 km geplant bis zum Trekkingplatz Brederich mit einem Abstecher zum Einkaufen. Mein Wecker klingelt deshalb um 5.
Um viertel vor fünf wache ich das zigste Mal auf, aber zum ersten Mal mit dem Gefühl, jetzt gleich sofort weiterschlafen zu können. Leider mache ich den Fehler und schaue auf die Uhr. Wenn ich weiß, dass ein Wecker gleich klingelt, kann ich grundsätzlich nicht mehr einschlafen. Verdammt. Ich liege noch ein Weilchen herum, und dann beginne ich
Tag 2
Tag zwei beginnt mit Wischen. Es ist klatschnass im Zelt, und ich möchte keinen Sprühregen auslösen. Mehrfach wringe ich meinen kleinen Lappen aus, bis ich die meiste Nässe entfernt habe. Mein Quilt ist leider am Fußende doch feucht geworden, ich werde ihn so einpacken müssen. Das Packen meiner Sachen dauert länger, als ich gedacht hatte. Ich habe keine Routine mehr. Das Zelt trieft auch von außen, ich schüttele und wische, aber trotzdem hat es sich gefühlt im Gewicht verdoppelt, als ich es in den Packsack stopfe. Kurz vor sechs breche ich auf.
Trotz der schlechten Nacht fühle ich mich gut und habe richtig Lust auf den Tag. Respekt auch, denn er wird lang mit wieder fast 1000 Höhenmetern. Es ist schon etwas hell geworden und der Weg führt mich zur Autobahnunterführung. Inzwischen nervt mich das Dauerrauschen und ich bin mehr als bereit, es hinter mir zu lassen. Ein paar Rehe hüpfen vor mir über den nassen Weg, sorry für die Störung!
Im nächsten Örtchen, das ich streife, spiele ich wieder das alte Spiel und entledige mich ein paar meiner unnötigen Schichten. Ein Frühaufsteher winkt mir aus seiner Küche lächelnd zu, ich winke zurück. Ich mag solche kurzen Minibegegnungen.
Es geht hoch zu einer Burgruine, wie noch mehrfach an diesem Tag, Burg Schauenburg. Aussicht habe ich keine, denn der Nebel hängt noch über allem. Ich fotografiere wie immer jede Erklärtafel, um sie später in Ruhe nachzulesen. Dass ich meinen Zeitplan knapp gesteckt habe, fängt an mich zu ärgern, aber es lässt sich nun mal nicht ändern.
Es ist trotzdem schön, ich mag dieses Verhangene und vermisse die Sonne noch gar nicht. Die arbeitet sich aber so langsam durch die Wolken, während ich mich vom Weg treiben lasse. Ich sehe überhaupt keine Menschen, und offensichtlich auch eine Markierung nicht. Nach einem halben Kilometer Forststraße kommt mir meine Gehfläche ungewöhnlich vor, denn bislang hatte sich der Habichtswaldsteig um Abwechslung bemüht, und Schildermangel gab es auch noch nicht. Na gut, dann umkehren, leider wieder bergauf.
Zwei Burgreste und eine trockene Quelle später nähere ich mich meinem Resupply-Punkt in Bad Emstal. Ich brauche dringend Wasser. Am Tag zuvor hatte ich mich schon in leichte Kopfschmerzen hineingespart, das wollte ich heute besser machen. Ich habe gar keine Lust auf Leute und finde die Umstellung von keinen Menschen zu viele Menschen wie immer schwierig. Unschön ist auch das Gewicht: Ich gehe mit fast drei Litern Wasser wieder los, denn es ist warm, fast heiß geworden, und auf der Karte ist vorerst keine Auffüllmöglichkeit ohne Umweg zu sehen.
Ich beschließe, mir den ungebuchten Trekkingplatz Läuseküppel kurz hinter Bad Emstal zu suchen, und dort mein spätes Frühstück zu halten. Laut Karte müsste er ganz in der Nähe sein, aber ich schau mich nur halbherzig um und breche das Suchen ab, weil eine Sitzgruppe im Schatten lockt. Als ich mich hinplumpsen lasse, fällt mir auf, dass ich das erste Mal seit dem Loslaufen wieder sitze.
Nom nom nom
Ich checke erneut die Wettervorhersage, Regen, Gewittergefahr, das Wort Sturmböen fällt mir ins Auge. Ich habe schon die ganze Zeit mit mir debattiert, ob ich spontan ein Hotel nehmen sollte. Warum fühlt sich das wie einknicken an? Das ist doch bescheuert. Ich rufe eines in Naumburg an, ein Stückchen hinter meinem Trekkingplatz. 55 Euro für ein Zimmer mit Frühstück, ja, das nehme ich. Aber: Ich muss bis 18 Uhr dort sein, mittwochs ist Ruhetag. Ich buche trotzdem. Meine Strecke ist jetzt noch ein paar Kilometer länger geworden, mein Zeitplan hat nun eine Deadline und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich den Trekkingplatz nicht nutzen werde, aber mich lockt ein Bett und eine Pizza und irgendwie auch die sportliche Herausforderung.
Wenig fordernd ist jetzt der Weg geworden. Auch weniger schön, verglichen mit Tag 1, der mich total verdorben hat. Es gibt jetzt viele Kies- und Feldwege, aber vorerst kein wirklich schönes Teilziel mehr. Immer mal wieder gehe ich entlang oder überquere eine einspurige Bahnstrecke, die irgendwas zwischen aufgegeben und genutzt aussieht. Später lese ich nach, dass hier ein paarmal im Jahr ein Dampfzug fährt, der Hessencourrier – ah, das erklärt es.
Inzwischen kommen mir vermehrt Wandermenschen entgegen, ein paar wenige überhole ich. „Ja, mit Stöcken geht man schneller!“ ruft mir ein Päärchen hinterher. Klar, wer braucht schon Beine, Stöcke bringen dich magisch voran.
Es gibt auch sehr viel weniger Schatten. Ich habe zu wenig Sonnencreme mitgenommen, nur ein paar Spritzer, und bereue das jetzt. Immerhin wird das Wassergewicht schnell weniger. Der Weg führt mich hoch zu einer großen Schaukel, die ich ausgiebig nutze. Ab jetzt wird es wieder etwas waldiger, allerdings wartet der letzte große Anstieg des Tages auf mich: hoch zur Weidelsburg, die ich seit einiger Zeit sehen kann.
Und die haben die Leute damals wirklich weit oben gebaut. Während ich schnaufe und gedanklich noch für Talburgen plädiere, bin ich angekommen: Ist die toll! Wie ein Kleinkind flitze ich durch das Burggelände. Da bin ich nicht die einzige, das Ausflugsziel ist offensichtlich beliebt. Hier könnte man bestimmt auch urig sein Zelt aufschlagen...
Aber die Zeit drängt mich, ich habe keine Ruhe. Ich bleibe wieder nicht so lange, wie ich gern geblieben wäre, und schlage den Weg bergab ein. Nach ein paar Metern bin ich schon alleine; der Hauptweg geht woanders lang. Steil geht es einen hübschen Trail den Hang hinab, bis ich um eine Ecke komme und mir die Luft wegbleibt.
Jetzt weiß ich auch, woher die Burg ihre Steine hatte
Katzenloch ist ein hässlicher Name für so etwas! Der Basaltsteinbruch sieht grandios aus. HIER mal schlafen! Oder zumindest die Feuerstelle nutzen! Nur ungern ziehe ich weiter, aber so langsam beschweren sich meine Beine, die getapte Stelle am Fuß meldet sich auch schon länger wieder. Ich mache nur noch drölfzig Fotos und reiße mich los.
Ab jetzt empfinde ich das Gehen als anstrengend und möchte wirklich gern ankommen. Ich staune noch über eine alte Bauminschrift von 1944, lasse eine offensichtlich beliebte Gastronomie links liegen, und habe als nächstes Ziel „meinen“ Trekkingplatz, an dem der Weg mich genau vorbeiführt. Es zieht sich auch so langsam zu. Der Trekkingplatz Brederich gefällt mir, weniger gern mag ich die laute Wandertruppe und die zwei Rollerfahrer, die dort entlangbrummen. Präsentiertellerschlafen ist nicht meins. Das erleichtert mir meine Entscheidung, und ich steuere auf Naumburg zu.
Trekkingplatz Brederich: Hier gibt es sogar eine Wasserquelle
Dass ich nicht mehr entlang des Habichtswaldsteigs steuere, fällt mir erst irgendwann auf, als ich schon einen Kilometer vom Trail entfernt bin. Der Weg führt eigentlich an Waldrand und Wiese nach Naumburg hinein, ich bin irgendwie querdurch gelaufen. Soll ich jetzt noch umkehren? Ich schätze, dass ich etwa zwei Kilometer Weg abgekürzt habe. Allerdings bin ich schon 42 gelaufen und es ist nur noch ein weiterer bis zum Hotel. Nee, ich mag nicht mehr. Ich steuere weiter auf mein gebuchtes Bett zu und nehme mir vor, nach einer Pause im Hotel den verpassten Teil nachzuholen, zumindest teilweise. Ich liege gut in der Zeit, es ist erst vier Uhr und nur das schlechte Wetter verspätet sich.
Sobald ich auf dem Zimmer bin, rupfe ich den zerdetschten Quilt aus dem Rucksack und lüfte ihn aus. Auch das Zelt hänge ich quer im Zimmer auf, das hätte ich schon unterwegs mal tun sollen. Es sieht wie explodiert aus. Zufrieden lege ich mich hin und stehe dann nur noch fürs Pizzaholen und eine kleine Stadtrunde noch mal auf. Ich trödele so lange herum, bis es regnet, und mir die Entscheidung, den verpassten Weg heute noch nachzuholen, abgenommen wird. Die Gewitterknallerei bekomme ich kaum noch mit, muss ich auch nicht. Aus dem Bett heraus bin ich sehr fein mit meiner Luxusentscheidung. Meine Beine, die erst noch meckern, geben bald Ruhe, und dann schlafe ich ein.