Tag 2: Achdorf – Schluchsee-Aha (42 km)
Im Vergleich zur vorherigen Nacht war diese deutlich ruhiger gewesen. Ich packte meine Sachen zusammen und genehmigte mir noch einen schnellen Instantkaffee. So ein Wasserkocher ist wirklich unkomplizierter Luxus.
Zunächst ging es durch das verschlafene Dorf und dann an Weiden mit Schafen, Rindern und Pferden vorbei ins Nachbardorf Aselfingen. Dort wechselte ich die Seite der Wutach und ging über Forstwege weiter zur Wutachmühle. Ein verwaistes Zelt, eine Essens- und Getränkeausgabe sowie Bierzeltgarnituren waren die Spuren des gestrigen Vatertags. Kurz hinter der Mühle beginnt der schönste Abschnitt des Schluchtensteigs, die Wutachschlucht.
Zunächst verläuft der Wanderweg über breitere Wanderwege, später über engere Pfade durch das Naturschutzgebiet. Es war immer noch ziemlich früh am Morgen und es war nichts los. So begleiteten mich nur das Rauschen des Wassers und das Zwitschern der Vögel. Die Schlucht wurde mit zunehmender Strecke immer enger und der Weg verlief mal direkt neben der Wutach, mal einige Meter über ihr. Am Wutachaustritt sprudelte versickertes Wasser unwirklich aus dem Berg ins Freie. Weiter ging es über enge Pfade entlang malerischer Felsgalerien. Das letzte Hochwasser hatte deutliche Spuren am Weg hinterlassen, sodass mancher Abschnitt mehr oder weniger provisorisch geflickt worden war. An manchen Stellen fragte ich mich, wie lange dieser Weg wohl noch begehbar sein wird. Ein großer Dank geht an den Schwarzwaldverein, der sich um diesen Weg kümmert!
An der Schurhammerhütte machte ich eine kurze Pause, zog meine Regenhose und -jacke aus, aß ein paar Nüsse und genoss die ersten Sonnenstrahlen. Ein Schweizer Pärchen mit großen Rucksäcken und ein Tagesausflügler holten mich hier ein und legten ebenfalls eine Pause ein. Im Folgenden überquerte ich mehrmals die Wutach über Stege und ging an Wasserfällen vorbei, bis ich den ehemaligen Kurort Bad Böll erreichte, von dem aber nur noch eine Kapelle übrig ist. Es fing an zu regnen. Ich zog meine Regensachen wieder an, montierte den Schirm am Schultergurt und erntete dafür interessierte Blicke von anderen Wanderern. Dank der Kombination aus Schirm und Berghaus Hyper musste ich mir um den Regen keine Gedanken machen und konnte trockenen Hauptes weiterlaufen. Ich war ziemlich glücklich darüber. Der Regen wurde stärker und es ging weiter über wurzelige Pfade mit viel Schlamm. Mit den Stöcken hüpfte ich trockenen Fußes zwischen den Pfützen umher, ohne auszurutschen.
Der steigenden Anzahl von Tagesausflüglern, die mir entgegenkamen, merkte ich an, dass ich mich langsam wieder der Zivilisation näherte. Sie versuchten staksend, den großen Pfützen und Matschlöchern mit ihren teilweise sehr schicken Schuhen auszuweichen – wenn sie nur wüssten, was ihnen noch bevorsteht! An der Schattenmühle angekommen, entschied ich mich spontan, einzukehren, um mich ein bisschen aufzuwärmen und den Regen vorbeiziehen zu lassen. Ich stärkte mich mit einer großen Tasse Kräutertee und einer großen, wenn auch ein bisschen angebrannten, Portion Kaiserschmarrn. Zwischendurch kamen auch die anderen Wanderer, die ich auf dem Weg getroffen hatte, an und nahmen an den Tischen um mich herum Platz – anscheinend brauchten auch sie eine Pause vom Regen.
Von der Schattenmühle aus kann man einen Abstecher zu den Lotenbachwasserfällen machen. Das hatte ich leider nicht auf dem Schirm, weshalb ich dem Verlauf der Wutach weiter folgte. Es folgte das Räuberschlösschen, ein von Felsen eingerahmter Platz, der 80 Meter über der Wutach liegt. Ich verzichtete jedoch darauf, die rutschigen Felsen zu erklimmen, um die Aussicht auf die unten verlaufende Wutach zu genießen. Die malerische Mündung des Rotenbachs lud zum Verweilen ein, doch ich zog weiter. Als Nächstes erreichte ich den Ursprung der Wutach, den Zusammenfluss von Gutach und Haslach. Ab hier folgte ich der Haslach und kam an den Felsformationen Rechenfelsen und Höllochfelsen vorbei, bevor es dann teilweise über die ehemalige Strecke der Haslachbahn und asphaltierte Straßen nach Lenzkirch ging.
Nach einem Resupply bei Edeka ging es wieder über eine Wiese zu einem Aussichtspunkt bergauf. Es folgten steile Schotterpisten, die das Schwendetal hinaufführten. Dabei kam ich an einem Bauernhof mit Schafen und Warnschildern über Wölfe vorbei, bis ich schließlich einen Grillplatz inklusive Quelle und den höchsten Punkt erreichte. Von dort aus ging es wieder bergab nach Fischbach. Mein linkes Knie fing leicht an zu schmerzen.
Ich querte Fischbach mit seinen zwei Maibäumen, arbeitete mich weiter bergauf und machte einen Abstecher zum Aussichtspunkt Bildstein, den ich nur empfehlen kann. Von dort aus hat man einen wunderschönen Blick auf den Schluchsee. Es war mittlerweile halb sieben und ich stieg wieder bergab. Schließlich erreichte ich mein heutiges Etappenziel, das Naturcamp Schluchsee in Aha.
Mit den letzten Sonnenstrahlen baute ich mein Zelt auf und ging duschen. Es war inzwischen richtig kalt geworden. Die lauwarme Dusche war nach einem so langen Tag eine Wonne. Doch das Abtrocknen mit meinem viel zu kleinen Lappen wurde zur Tortur. Ich fing an, vor Kälte zu schlottern und zu bibbern. Heute Nacht sollte es richtig kalt werden, doch ich hatte aus Dummheit nur die Temperaturvorhersagen für Stühlingen angeschaut. Nun sollten es hier oben 0 °C werden, und ich Trottel hatte mir nur meinen neuen APEX133 Quilt (5 °C) eingepackt, weil ich von diesem Gear-Update so begeistert gewesen war. Kurzum zog ich – bis auf die Regensachen – alle übrigen Klamotten an. Am Campingplatz gab es wieder einen Wasserkocher, sodass ich ohne meinen Kocher ein warmes Essen zubereiten konnte. Na ja, ich hätte wohl weniger Spiritus einpacken können. Nach dem Essen opferte ich meine 1-Liter-PET-Wasserflasche, machte mir eine Wärmflasche und ging nach einem langen Tag ins Bett. Auf dem Campingplatz war an dem Abend recht viel los: Zwei Gruppen versammelten sich um die Feuerstelle, grillten, machten Stockbrot und feierten bis spät in die Nacht. Davon bekam ich allerdings nur im Halbschlaf etwas mit.