1. Abschnitt: von Grövelsjön bis Storlien
Nachdem ich ein extrem günstiges Zugticket ergattert hatte, war ich zwei Tage früher in Grövelsjön als geplant. Eigentlich wollte ich einfach in dem kleinen Wäldchen neben der fjällstation zelten, da es bereits Abend war. Nun hingen da aber überall Zettel, dass das bloße kampieren schon 200kr kosten würde. Da bin ich einfach zu deutsch dafür, als dass ich mir da nicht denken würde, dieses Geld wäre wohl anderweitig besser investiert. Generell war ein Grundgedanke der Tour - eigentlich wie immer - so wenig Geld wie möglich auszugeben, möglichst keine neue Ausrüstung etc. Meine Ruhetage wollte ich nach Möglichkeit im fjäll verbringen und nicht in teuren Hotels oder Herbergen. Und so bat ich die freundliche Person an der Rezeption schnell das obligatorisch Foto an der Eingangstür von mir zu machen und zog Richtung See von dannen. Ich wusste, dass da unten zum einen ein nettes Sanitärhäuschen steht und zweitens es gute Zeltmöglichkeiten gibt, die im Gegensatz zum Wäldchen an der station nicht abschüssig waren. Das einzige, was mich etwas gewurmt hat, ist, dass dann dieser Tag schon als Wandertag zählt, obwohl ich ja nur ein paar Meter gehen würde.
Dummerweise war da unten alles voller Zelte, so durfte ich eine ganze Weile suchen, bis ich noch irgendwo ein Plätzchen für mich fand. Desweiteren lernte ich schnell wieviele Mücken dieses Jahr unterwegs waren. Ich versuchte dennoch, den sonnigen Abend zu genießen. Wer weiss, wie viele davon noch kommen würden! (Ich hatte wohl nicht genau genug auf die Wettervorhersage geschaut)
Meine Idee war von dort aus rüber nach Norwegen zu Laufen, da ich ein bisschen von der Femundsmarka sehen wollte, anstatt mir das Geröll östlich vom Rogen zu geben. Das war mir noch in guter bzw eher schlechter Erinnerung vom letzten Mal. Ich war hier schon im Mai hergekommen zusammen mit einem Freund, der einen Rekordversuch auf dem GB starten wollte und deshalb hier die optimalen Routen ausforschen wollte. Damals bin ich auch schon rüber nach Norwegen, kam aber wegen allgemeiner körperlicher Unfitness und schwerem Gepäck nicht sonderlich weit. Wir hatten nur drei Tage. Und so ging es am nächsten Tag einfach entlang der bereits gut bekannten Route Richtung Svukuriset. Manchmal lernt man aus Fehlern und so habe ich diesmal nicht den markierten Weg in den Sümpfen vor Revlingsjøan verloren und war relativ zeitig schon an den Hütten und beschloss noch ein bisschen weiter nordwärts zu ziehen, um mir dort irgendwo einen Zeltplatz zu suchen. Allerdings machte sich bereits ein ungutes Gefühl breit. Der Tag war nicht nur sonnig gewesen, sondern regelrecht heiss. Als es dann bergan ging wurden meine Kopfschmerzen immer intensiver. Da hat wohl jemand - wie so oft - einfach nicht genug getrunken? Ich beschloss deshalb dann doch nicht mehr all zu weit zu laufen und blieb an einem sehr idyllischen Ort Nähe der Baumgrenze stehen. Nicht zuletzt weil dort auch ein kleines Bächlein floss, welches zu einem wunderbar erfrischenden Bad einlud. Leider gab es kaum Schatten. Und da es mit meinem Wohlbefinden nicht besser wurde, hab ich mir direkt am ersten(?) Abend die erste IBU eingeschmissen. Blöd!

Am nächsten Tag ging es weiter quer übers fjäll, markierten Wegen folgend vorbei an Oasen Richtung Reva. Die Strecke war nicht so einfach, wie ich mir das gedacht hatte. Unten in den Niederungen ist es sehr wohl auch sehr blockig und steinig. Eher etwas mühsam, zumal man ständig hoch und wieder runter muss. Fast wie daheim im Sörmland. Nur dass ich dort keinen so schweren Rucksack trage.

Reva ist ein süßer Platz, der definitiv zum bleiben einlädt. Da waren aber erstens bereits eine ganze Familie mit ca. drölftausend Kindern und zweitens zwei holländische Medels, die fleissig am Angeln, Wäsche waschen etc waren und so wollte ich nicht stören und bin weiter Richtung Skedbrostugan, in der Hoffnung dort was nettes zum Zelten zu finden. Komischerweise war es dort an der Hütte wie ausgestorben - ich hatte hier auf meinem VB einen Schneesturm ausgesessen und von daher etwas nostalgische Gefühle. Als ich kurz meinen Rucksack absetzte kam dann doch jemand, die Hüttenwirtin, und wir kamen ein bisschen ins Quatschen. Letztlich wollte sie mich aber eigentlich nur zum Bleiben überreden, um wohl wenigstens einen zahlenden Gast du haben, und ich lehnte stießelmäßig, aber dankend ab. Am anderen Ende des Sees, ein bisschen ab davon zwischen Gestrüpp und Bäumen, fand ich dann doch noch ein schattiges(!) Plätzchen und ging eine Runde schwimmen.
Weiter relativ unspektakulär, da schon öfters hier gewesen, Richtung Rödfjället. Dort lud unterwegs ein See zum Baden ein, nicht zuletzt, weil die Hitze langsam aber sicher unerträglich wurde.

Eigentlich wollte ich am Svansjö zelten und dann am nächsten Tag in Hamra meinen ersten resupply machen. Nur waren dort so unglaublich viele Leute, dass mir spontan die Lust verging. Es war zudem recht windig geworden und mit geschützten Plätzen ist dort Fehlanzeige. So beschloss ich es einen wirklich langen Tag werden zu lassen, heute schon in Hamra einzukaufen und dann bis zum Campingplatz kurz vor Fjällnäs zu laufen. Der wird von einem sehr netten holländischen Ehepaar betrieben, die haben Rabatt für uns bandare und ausserdem ein „hiker breakfast“. Das war phantastisch! Außerdem lernte ich dort direkt eine deutsche kennen. Erst aufgefallen ist sie mir, weil sie - wie ich dachte - ein Lanshan dabei hatte. Bei genauerer Betrachtung kam ich aber ins Stutzen. Irgendwas war komisch an dem Zelt. Turns out, sie hat es selber gemacht, einwandig, mit dem Duplex als Vorbild! Natürlich musste ich sie jetzt näher kennenlernen und so sind wir die nächsten zwei Tage zusammen gewandert. Sie hat nicht nur ihr Zelt selber genäht sondern auch ihren Rucksack. Einen Daunenschlafsack hat sie wohl auch mal gemacht. Aber den hatte sie nicht dabei, wenn ich es richtig verstanden habe. Jedenfalls sehr beeindruckend! Sie hat mir ein bisschen von ihren Nähmaschinen-Exkursionen erzählt und ich hab fleissig geistige Notizen davon gemacht. Witzigerweise heisst sie wie meine Ex und witzigerweise war letztere auch gerade in der Gegend unterwegs und während ich vor dem Helags goodbye sagt, weil ich wieder Richtung Norwegen wollte, ist erstere auf dem Södra Kungsleden geblieben und hat dann tatsächlich noch meine Ex getroffen und Grüße ausgerichtet. Kleine Welt mal wieder.

Ich dagegen bin dem nord-östlichen Ufer des Sylsjön gefolgt. Wider Erwarten gar nicht mal so einfach. Ich dachte, das wäre sicher noch ein gut markierter, eingelatschter Trail, aber weit gefehlt. Bushwhacking, Sumpf und wieder Sumpf und regelmäßiges Verlieren der Markierung waren Programm des Tages. Ich machte es vorbei am Staudamm und lief bis kurz vor die Nedalshytta, wo ich unten im Tal am Fluss einen süßen, versteckten Platz gefunden habe, wo es auch einen tollen Pool zum Baden im Fluss gab. Die Idee war am nächsten Tag hoch auf den Sylartoppen. Ich wollte nicht auf der schwedischen Seite bleiben, da mir dort zu viele Leute sind und ich da ausserdem schon war.
Nur vom Sylarna hatte ich absolut keine Ahnung, und das sollte sich bald zeigen. Denn je näher ich kam umso größer wurden meine Zweifel, ob ich da überhaupt raufkäme. Als ich dann in diesem Kessel auf der westlichen Seite stand, war mir klar, dass da nix draus werden würde. Da lag überall noch Schnee rum und der Weg nach oben sah auch einfach unglaublich steil aus. Als ich später wieder Internet hatte, hab ich die Geschichte mal gegoogelt. Ich wäre besser auf der schwedischen Seite geblieben! Egal, nur ein kleiner Umweg. Ich bin dann in einem Mix aus Trail und wegloses fjäll und Sümpfe bis zum Enan. Dieser lud bei glühender Hitze zu einem weiteren Bad ein. Ich war auch völlig davon überzeugt, dass ich dort einen wunderbaren Platz zum Zelten finden würde, und so war es eigentlich schon beschlossen, dass das ein eher kurzer Tag werden würde und ich den Rest davon badend und ruhend verbringen würde. Dock kaum war ich nackt kamen die Bremsen. Nicht die kleinen grauen, die auch, sondern die dicken, großen, fetten. Dutzende! Nun war ich aber schon nackt und wollte nicht so leicht klein beigeben. Das mit dem Zelten hatte ich innerlich schon gestrichen, aber ich wollte wenigstens baden und meine Klamotten auswaschen. Würdevoll war das nicht, was ich dort dann veranstaltet habe. Eine Mischung aus Tanz und Panik. Ziel wurde erreicht, aber zu welchem Preis? Mit nassen Klamotten schlürfte ich von dannen Richtung Blåhammaren. Ich dachte, weiter oben im fjäll würden die Mistviecher dann ja wieder verschwinden. Auch die nassen Klamotten brachten eine gewisse Erleichterung. Aber die Biester blieben mir fast bis kurz vor der fjällstation erhalten, bei jeder Gelegenheit attackierend. Zelten ging dann dort auch nicht, es sei denn, man will sich gerne zwischen ein paar dutzend Zelte quetschen. Also noch ein Stückchen weiter bis runter an den nächsten See. Dort war erstens kein Wind und zweitens Mücken, Bremsen und weiss Gott was noch alles. Ich hab mir nur kurz Wasser geholt und bin im Zelt verschwunden. An Schlafen war aber nicht zu denken, es hatte im Zelt saunaartige Bedingungen. Zum Glück hatte ich einen Hüttenschlafsack aus Seide dabei. Und so schlief ich in dem während ich meinen Schlafsack als Sonnenschutz oben auf das Zelt legte. Das Gesurre der Insekten im Ohr. Dann kam da noch ein ganzer Trupp junger Männer, die ganz offenbar oben in der fjällstation wohnten und hier baden wollten. Ich weiss nicht, wie die mit den Bremsen klargekommen sind, aber lang drinnen waren sie jedenfalls nicht. Zum Glück, denn ich wollte wirklich schlafen, obgleich des hübschen Anblicks.

Am nächsten Morgen galt es lediglich nach Storlien bzw besser gesagt nach Storvallen reinzurollen. Plan war, dort einen Ruhetag einzulegen, auch wenn ich eigentlich mal eine unfreundliche Erfahrung mit den Betreibern des Hostels dort gemacht hatte und zweitens der Supermarkt dann ja 4km entfernt wäre. Aber im Hotel in Storlien ist man halt direkt an der Bahntrasse und der Strasse. Das wollte ich einfach nicht. Kaum angekommen und ausgepackt bekomme ich eine SMS von der Betreiberin, sie fährt jetzt nach Storlien, ob sie mich nicht mitnehmen soll? Vielleicht ist sie doch nicht so unfreundlich?! So konnte ich am selben Tag noch resupply machen, sparte mir die 4km hin und zurück und konnte den Ruhetag wirklich mit Ruhen verbringen. Alles richtig gemacht!
